Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Wie verhielt sich das Judentum zu Jesus und dem entstehenden Christentum?
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 313 (sequence 18)
- Language
- German
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und dem entstehenden Christentum? 313 für meine Person vermag für eine so schreiende Diskrepanz keine Erklärung zu finden. Es ist doch wahrlich endlich an der Zeit, daß einmal von unbefangener Seite der grundfalschen und irreführenden zum Dogma erstarrten Ansicht, nach welcher das pharisäisehe Judentum von Anbeginn der Erzfeind Jesu und des Christentums gewesen, und daß von ihm alle Verfolgung des letzteren ausgegangen, mit aller Entschiedenheit entgegengetreten werde. Und es wäre in der Tat unsagbar traurig, wenn man noch heute nicht, wo bereits so tiefe Einblicke in das Dunkel der Entstehungsgeschichte des Christentums gewonnen wurden, dieses schwere Vergehen an dem Geist der Geschichte und der Menschenliebe sühnen wollte. Es ist ja übrigens gar kein Kompliment für den Pharisäismus, wenn gezeigt wird, wie wenig Aufmerksamkeit er der tiefgehenden und weitverzweigten religiösen Bewegung innerhalb des »Landvolkes« widmete, wie wenig Be- Ziehung er zu dem letzteren hatte und unbekümmert um dasselbe sich in seine, den Verkehr mit der Außenwelt erschwerenden Traditionslehre vertiefte, die Dinge draußen gehen lassend, wie es Gott gefällt. »Ist der Rat oder das Werk aus den Menschen« — dabei beruhigt sich und seine Umgebung über die Fortschritte der urchristlichen Bewegung das pharisäische Schuloberhaupt Gamaliel — »so wird es untergehen; ist es aber aus Gott, so könnt ihres nicht dämpfen«. Das war tatsächlich die Stimmung, von der die »Schriftgelehrten und Pharisäer«?, die damaligen Repräsentanten des palästinensischen Judentums, beherrscht waren, das war der Standpunkt, den sie Jesu und seinen Aposteln gegenüber einnahmen. Das findet jeder bestätigt, der sich mit möglichster Unvoreingenommenheit in das Wesen des Pharisäismus, wie es uns aus dem Talmud entgegentritt, zu vertiefen sucht. Die evangelische Darstellung desselben aber baut sich erst auf dem späteren,