Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Wie verhielt sich das Judentum zu Jesus und dem entstehenden Christentum?
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 302 (sequence 7)
- Language
- German
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302 Wie verhielt sich das Judentum zu Jesus erhaltenen, zwischen diesen und den Christen im zweiten Jahrhundert stattgehabten Kontroversen. Sie sind da überall die Herausgeforderten und verteidigen nur notgedrungen und ohne Animosität ihre Positionen, während ihre Gegner die ganze Schale ihres Zornes über sie ausschütten. ln diesem Stile sind die Wehrufe Jesu gegen die »Schriftgelehrten und Pharisäer« gehalten. An den ursprünglichen evangelischen Überlieferungen wurde noch im zweiten Jahrhundert so lange herumkommentiert, bis das national-jüdische Moment aus denselben möglichst entfernt und der Universalismus völlig herausgearbeitet war. Und diese Arbeit leistete die Großkirche in langem Kampfe gegen das Judentum und den Gnostizimus. So ist es denn nicht ganz aus der Luft gegriffen, wenn der Platoniker Celsus noch in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts den Christen vorwirft, es gebe Leute unter ihnen, die ihre Evangelien drei- und viermal verfälschen, bis sie endlich das sagen, was ihnen gut dünkt, um ihre Widersacher widerlegen zu können1). Aus derartigen von einer späteren Zeit an manchen Aussprüchen Jesu und an alten Überlieferungen vorgenommenen Umdeutungen entsprangen die vielen Widersprüche, an denen die Evangelien leiden und vornehmlich aus dem Umstande, daß einzelne dieser Aussprüche, weil sie schon landläufig geworden, in ihrer ursprünglichen Form belassen bleiben mußten. Am anschaulichsten lernen wir das Verhalten des Judentums und seiner Gesetzeslehrer zur Gemeinde Jesu kennen und andererseits die Methode beurteilen, nach welcher geschichtliche Überlieferungen umgemodelt wurden, bis sie nicht selten gerade das Gegenteil von dem, was sie ursprünglich meldeten, berichten: in der Behandlung, welche die Steinigung des Jacobus, des Bruders Jesu, erfahren. 1J Orig, contra Cels. II, 2.