Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Wie verhielt sich das Judentum zu Jesus und dem entstehenden Christentum?
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 298 (sequence 3)
- Language
- German
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293 Wie verhielt sich das Judentum zu Jesus daß die Taufbewegung zu einem Aufruhr führen könnte, und er beseitigte den Urheber derselben — unter starker Entrüstung der Juden. In den Evangelien erfährt dieser Bericht schon eine dichterische, aber nicht unbeabsichtigte Ausschmückung. Die Färbung verrät die im zweiten Jahrhundert herrschende Stimmung. Hier erscheint der Täufer als Vorbote des Messias und eifernd gegen das »Otterngezücht« der Pharisäer und Sadduzäer. Und nicht aus Furcht vor Umwälzungen, zu denen die von ihm hervorgerufene Bewegung führen könnte, wird er von dem Vierfürsten Herodes ins Gefängnis geworfen und enthauptet, sondern »wegen der Herodias, des Weibes seines Bruders Philippus. Denn Johannes hatte ihm gesagt, es ist nicht recht, daß du sie habest«1). Und nun folgt die romanhafte Erzählung von dem Töchterchen der Herodias, das mit seinem Tanze den Vierfürsten berückte und zum Lohne das Haupt des Johannes auf einer Schüssel verlangte und erhielt. Das politische Motiv ist hier völlig unterdrückt. Aus leicht begreiflichen Gründen. Der Täufer durfte nicht als Aufwiegler sterben. Wie leicht hätte dies auf die Vermutung leiten können, daß auch Jesus, weil er ähnliche Besorgnisse erregte, von dem römischen Landpfleger gekreuzigt worden sei. Liefen doch damals alle von den falschen Messiasen erregten Ansammlungen auf Empörung gegen die römischen Tyrannei hinaus. — Daher die von Josephus abweichende Darstellung der Evangelien. Daher auch die phantasievolle Erzählung bei Lucas von der Geburt des Täufers und seiner Mutter Beziehungen zu Maria. In der Folge wurden sogar den ganz präzise lautenden, über die Johanneische Taufe sich verbreitenden Worten des Josephus ein ihnen völlig fern liegender Sinn unterschoben, um sie mit dem einschlägigen evangelischen Berichte in Einklang zu bringen. Bei Josephus stellt Johann es 1) Mt. 14, 3-21; Mc. 6, 14-29; Lc. 3, 19-20.