Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und das Wirtschaftsleben
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 270 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829835-2829839-2890672--38705-2890715- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
270 Die Juden und das Wirtschaftsleben, Berge und Ströme usw. vorschreibt. Also der Sänger des 104. Psalms, dessen Schiläerung auch Alexander v. Hainboldt bewundert, hatte keine unbefangene Freude an der Natur, weil er mit dem Ausruf beginnt und schließt: »Lobpreise meine Seele, den Herrn!« Und auch der Dichter des deutschen Liedes hatte sie nicht: »Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben? Wohl den Meister will ich loben, solang' noch meine Stimm' erschallt?« Daß Heiligung des Lebens nach der Lehre des Judentums heißt: Gott in das Leben hineintragen und mit ihm des Lebens sich freuen, nicht aber — wie nach der Lehre des Christentums — das Leben als ein Jammertal betrachten und Gott in der Weltflucht, in der Klosterzelle aufsuchen, dafür hat Sombart offenbar kein Verständnis. Er hätte sich darüber durch den englischen christlichen Theologen Travers Herford belehren lassen können, der sagt: »Was gewöhnlich »leerer Formalismus« oder »ernsthaft behandelter Tand« genannt wird, verdient einen besseren Namen, denn es ist — irrtümlich oder nicht — eine ehrenwerte Bemühung, das Prinzip des Gottesdienstes auf die geringsten Einzelheiten und Handlungen des Lebens anzuwenden« (meine Apologetik S. 155). Zum Unglück sind Sombart Fromers »Vom Ghetto zur -modernen Kultur« und Webers »System der altsynagogalen Theologie« in die Hände gefallen, oder vielmehr er ist ihnen in die Hände gefallen, und diese haben ihm die Mittel zur Durchführung seiner Ansicht von der »Rationalisierung« des Lebens durch die jüdische Religion geboten. Denn nach Sombart ist diese Religion ein Ver- Standesprodukt. Was sie aber wirklich ist, sagt bereits der Sänger des Ps. 19, der -mit den Worten beginnt: »Die Hirnmel erzählen die Ehre Gottes und seiner Händewerk verkündet das Firmament« — also auch Freude an der Natur, wenn auch für Sombart vielleicht nicht unbefangen — in dem es aber, worauf es für unsern Zweck ankommt, weiter tieißt: »Die Lehre Gottes ist vollkommen, beruhigt die