Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und das Wirtschaftsleben
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 264 (sequence 8)
- Language
- German
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264 Die Juden und das Wirtschaftsleben. Verdienst Sombarts, daß er Versäumtes nachgeholt, das Unbewußte oder Verkannte durch sein Buch allen zu klarem Bewußtsein gebracht und die Juden als die Urheber der auf ihrem Höhepunkt angeiangten und alles beherrschenden kapitalistischen Wirtschaft nachgewiesen hat. Es klingt heute schon wie ein Anachronismus, wenn in dem bekannten Rückerischen Gedicht »Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt« gerade »der Jude mit großem Sack und großem Bart« erscheint und die goldenen Blätter einsteckt, während dieses Einstecken der goldenen Blätter heute auch »des Schweißes der Edlen«, um nicht zu sagen der Adeligen wert erscheint. Oder wenn ferner gerade ein Jude es ist, der den Küraß in Lenau’s gleichnamigem Gedichte dem Husaren verkaufen will, um nicht erst der »hosenverkaufenden jüdischen Jünglinge« Treitschke’s zu gedenken. Aber in künftigen Zeiten, wenn sich einmal, wie es Sombart jetzt schon scheint, »der Einfluß des Judenvolkes zu verringern beginnt« (S. VIII) — es wäre nicht unmöglich, daß die Juden aus ihrem erbgesessenen Handelsgebiet ganz verdrängt würden und dann in einer anderen Karriere, etwa in der ihnen jetzt ganz verschlossenen militärischen, ihr Heil suchen müßten — würde jener Anachronismus sich bis zu völliger Unverständlichkeit steigern. Für diese Eventualität hat Sombarts Buch Vorsorge getroffen: es hat den historischen Werdegang, der unter der Führung der Juden zu dem gegenwärtigen Höhepunkt der kapitalistischen Wirtschaft führte, auf dem sie selbst vielleicht überflüssig geworden sind, aufgezeigt und festgehalten. Aber Sombart hat sich an dieser verdienstlichen Leistung nicht genügen lassen. Sein Forschertrieb hat ihn gedrängt, nach gewonnener Erkenntnis der Tatsache der kapitalistischen Bedeutung der Juden auch der Erkenntnis ihrer Ursache nachzugehen. Diese Untersuchung beginnt meiner Meinung nach schon von dem siebenten Kapitel an und umfaßt zwei Drittel des Buches