Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ein Nachtrag zu Wilhelm Raabe und die Juden
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 249 (sequence 3)
- Language
- German
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Ein Nachtrag zu »Wilhelm Raabe und die Juden«. 249 sie nicht den Schmerz um Moses Freudenstein wegwischen. Entsetzen ergriff mich vor der Lebensanschauung, die Sie ihn vortragen lassen. Danach sind wir auch in den Augen eines Weisen die Parasiten, die nimmer, trotz ehrlichsten Strebens, ernst genommen werden können. Und auch Heine, der die Nachtgedanken schrieb, die so schmerzhaft die Liebe zur Mutter und zum Vaterland schildern, muß sich diesem Urteil beugen. Der Cynismus vieler meiner Glaubens- und Stammesgenossen, der so widerwärtig auf Andere wirkt, ist aus tiefstem Elend und Schmerz geboren, er ist die Waffe und der Trost derer geworden, die nicht überwinden konnten. Nichts ist systematischer und teuflischer gepflegt worden, wie das Vorurteil gegen uns. Jahrtausende saßen wir in dem dunklen Keller hinter schmutzigen Fensterscheiben, die den Durchblick auf die goldne, wärmende und fröhliche Sonne nicht gestatteten. Ist es da zu verwundern, daß solche bizarre Gestalten geschaffen wurden? Sie wissen es, daß unser Werdegang nur von Blut und Tränen begleitet war, dank den Trägern der Religion, die lehrt, sogar die Feinde zu lieben, die das Gewissen der gedankenlosen Menge und auch kluger Köpfe so durchaus beherrschten und keinen freien Gedanken aufkommen ließen.— Deshalb begrüßen wir auch jedes gute, warmherzige Wort mit so tiefer, inniger Freude! Und nun, verehrter Meister, leben Sie wohl, haben Sie innigsten Dank für all’ die guten Stunden, die Sie mich und die Meinen genießen ließen. Wirken Sie noch lange segensreich. Ich schließe mit den herrlichen Versen von Hans Unwirsch, die ja unsere Empfindungen wiedergeben: Auf alle Höben — Da wollt ich steigen Zu allen Tiefen — Mich niederneigen Das Nah und Ferne — Wollt’ ich verkünden, Geheimste Wunder — Wollt’ ich ergründen Gewaltig Sehnen — Unendlich Schweifen Im ew’gen Streben — Ein Nieergreifen —