Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ein Nachtrag zu Wilhelm Raabe und die Juden
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 248 (sequence 2)
- Language
- German
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248 Ein Nachtrag zu »Wilhelm Raabe und die Jaden«. haben, Sie und ich denselben Lehrer, Kantor Bestian, hatten. Auch die Erinnerung an Ihre Eltern, den stattlichen Justizamtmann, die lebensfrohe und schöne Mutter, von denen mir Auguste Windte, unsere Näherin, oft erzählte, bewahrte ich treu im Herzen. Es war herrlich, daß wir einen Dichter unser Eigen nennen konnten! Und als Sie nun gar die vielgeliebte Heimat mit dichterischer Poesie verklärten, die holdselige Anneke Mai ihrem Junker erzählen ließen, daß sie aus dem letzten elenden Häuschen der Homburgstraße stamme, wie waren wir da alle entzückt! Nie gingen wir vorüber, ohne Ihrer freudig zu gedenken, von Ihnen zu sprechen. Ach und nun der Abu Telfan, wie fühlte und lebte ich in ihm, und doch hatte ich nicht den Mut, Sie anzureden, verehrter Meister, als wir mal zufällig auf der Homburg zusammen waren, nicht ich, nicht meine Freundin! So gingen die Jahre hin, meine Lieblingslektüre blieb immer Raabe, ich lebte und litt und lachte mit den Gestalten, die er uns gegeben. Nur die »Chronik der Sperlingsgasse« und der »Hungerpastor« blieben mir fremd. Erst jetzt lese ich diesen und sehe, er ist eine Ihrer ernstesten und erziehlichsten Schriften. Sicher ist alles richtig von ihrer Meisterhand gezeichnet. Man fühlt und erhebt sich an dem Hunger von Hans Unwirsch — man hat ihn selbst besessen, sich daran erfreut bei Mann und Kindern. Dieser Hunger versöhnt uns ja immer wieder mit all der Unbill des Lebens, die nie und namentlich den Juden gegenüber ausbieibt. Und deshalb schmerzte es mich auch so tief, so sehr, daß unser vielgeliebter Raabe neben den egoistischen und cynischen Moses Freudenstein keinen anständigen Menschen unserer Abstammung und unseres Bekenntnisses gestellt hat, und ich fühle mich veranlaßt zu der Frage: ist Ihnen auf Ihrem langen Lebenswege kein charaktervoller Jude begegnet? Das wundervolle Motto: »Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da« stellen Sie an den Anfang des Buches. Wie dankbar bewegten mich diese himmlischen Worte! Leider können