Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Wie verhielt sich das Judentum zu Jesus und dem entstehenden Christentum?
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 169 (sequence 10)
- Language
- German
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und dem entstehenden Christentum? 169 So sehen wir denn in der ganzen evangelischen Geschichte, soweit sie das Verhältnis des Judentums zu Jesus behandelt, die Tendenz vorherrschen, die »Schriftgelehrten und Pharisäer«, und in der Folge das gesamte jüdische Volk als den Erzfeind und unversöhnlichen Gegner Jesu darzustellen, eine Tendenz, die erst im zweiten Jahrhundert zur allgemeinen Geltung sich durchgerungen hatte. Auch die Schilderungen des Kreuzestodes Jesu, wie sie uns in den kanonischen Evangelien vorliegen, verraten deutlich Spuren späterer, umgestaltender Hände. — Zunächst fällt es stark auf, daß von dem »Ärgernis des Kreuzes«, gegen welches Paulus noch so schwer ankämpfen muß, in dem kanonischen Evangelien kaum mehr die Rede ist; ferner, daß mit dem Augenblicke, wo Jesus zum Opfertod geführt wird, es von den Juden recht stille wird; und während Pilatus soviel Sympathie und Mitgefühl für Jesus an den Tag gelegt und seine Freilassung durchzusetzen sich bemüht hatte, sind es seine Kriegsknechte, die ihn mit ausgesuchter Grausamkeit martern und mit Hohn und Spott seinen letzten Atemzug vergiften. Von den Juden aber ist kaum im Vorbeigehen mehr die Rede. Bei Lucas sind es die *Oberen« des Volkes, bei Marcus »die Hohenpriester und Schriftgelehrten«, bei Matthäus »die;•Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten«, die, als er am Kreuze hing, »spöttische Reden führten«. Bei dem vierten Evangelisten aber, der bis dahin die »Juden« nicht blutdürstig genug schildern konnte, fehlen die letzteren bei .der Kreuzigung. Die Kriegsknechte des Pilatus haben jetzt ihre Rolle übernommen und üben unerhörte Rache. Und wofür? Was hat er ihnen getan? Und hat ihn ihr Gebieter Pilatus nicht für unschuldig erklärt? Hat er ihn nicht freigeben wollen? — Doch stellen wir die Frage richtiger: war es überhaupt notwendig, den Kreuzestod Jesu unter soviel Marter und Hohn erfolgen zu lassen, wie ihn die Evangelien übereinstimmend darstellen? — Darauf gibt