Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Kürzen und Längen in der Bibel
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
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130 Kürzen and Längen in der Bibel. der Hand dieser Erfahrung. Der angehende Redner weiß zuerst keinen Anfang und nachher kein Ende zu finden. Zuerst ist er gleich fertig mit seiner Rede, dann gerät sie zu kurz, später kann er nicht fertig werden, dann wird sie zu lang. Erst fortgesetzte Übung ergibt das richtige Längenmaß. Stimmen dann Form und Inhalt überein, dann lautet das Urteil: kurz und gut. Das ist das beste, was man von einer Rede sagen kann, aber es ist bemerkenswert, daß dieses höchste Lob einer Rede von ihr rühmt, daß sie kurz ist, noch bevor sie hervorhebt, daß sie gut ist. Es kommt also immer wieder auf die Kürze an. Aber nicht bloß der Redner, sondern auch der Schriftsteiler hat sich an dieses Urteil zu halten. Der Leser will ebensowenig wie der Hörer gelangweilt sein, sondern will Kurzweil haben. Diese Ausdrücke entsprechen den Empfindüngen, die durch die Länge oder Kürze der Darstellung hervorgerufen werden, woraus folgt, daß der Autor die Länge vermeiden und der Kürze sich befleißigen muß. Letztere ist unter allen Umständen von Vorteil. Ist die Darstellung gut, so steigert die Kürze den Erfolg, den die Länge nur abschwächen kann. Ist sie aber nicht gut und dabei lang, so setzt sich der Autor dem zweifachen Tadel aus, daß man ihm »der langen Rede kurzen Sinn« zum Vorwurf macht. Länge und Kürze sind jedoch relative Begriffe. Lang ist, was langweilt, und kurz, was Kurzweil schafft. Deshalb kann die Länge kurz und die Kürze lang erscheinen. Länge und Kürze sind demnach künstlerische Kriterien von der größten Bedeutung, denn nur ein Künstler weiß mit beiden umzugehen und sie je an ihrem Orte wirksam zu verwenden. Dies ist einer von den Vorzügen des an Vorzügen so reichen biblischen Stils. Insbesondre erteilt die Tora hierüber eine so eingehende und umfassende Belehrung, wie man sie schwerlich aus irgend einem anderen klassischen Buche schöpfen kann. Unsere alten Lehrer haben bereits