Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Kürzen und Längen in der Bibel
- Date
- 1911-01-01
- Page
- 129 (sequence 1)
- Language
- German
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Von M. Güöemaim. »Der Hauptreiz jeder Rede ist die Kürze, Dient auch der schlechtesten zur Würze, Doch seihst die beste, wenn zu lang, Macht ihrem Hörer angst und hang.« Diese Verse entstammen nicht der Feder eines Dichters was man ihnen auch wohl ansieht. Wenn ich sie dennoch an die Spitze meiner Untersuchung stelle, so geschieht es deshalb, weil ich selbst sie gemacht, oder, wenn man will, verbrochen habe. Dies kam so. Seit einem halben Jahrhundert habe ich berufsmäßig öffentlich zu reden, genauer gesagt, zu predigen. Die Erfahrungen, die ich während dieses langen Zeitraumes zu sammeln Gelegenheit hatte, haben in mir die Erkenntnis gezeitigt, daß die meisten Menschen ihr Urteil über eine Rede hauptsächlich nach deren Kürze oder Länge bestimmen. Wie oft hört man von einer Rede sagen : »Sie war gut, aber zu lang!« Hier wird das anfängliche Lob durch den nachfolgenden Tadel in Schatten gestellt. Da ist vielleicht das andere Urteil vorzuziehen, das von einer Rede besagt: »Sie war zwar nicht gut, aber kurz.« Hier klingt der anfängliche Tadei in ein Lob aus, das ihm seine Schärfe raubt. So viel hängt bei Beurteilung einer Rede von ihrer Kürze oder Länge ab. Dieser durch lange Erfahrung gereiften Erkenntnis habe ich gelegentlich in den angeführten Versen Ausdruck gegeben. Sie sind der Niederschlag wieder und wieder gemachter Wahrnehmungen. Auf einen höheren Wert machen sie keinen Anspruch. Auch die rhetorische Entwicklung vollzieht sich an Monatsschrift 55. Jahrgang. ®