Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Wie verhielt sich das Judentum zu Jesus und dem entstehenden Christentum?
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 701 (sequence 5)
- Language
- German
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und dem entstehenden Christentum? 701 sondern auch sagte, »Gott sei sein Vater, und machte sich selbst Gott gleich«1). Dieses Motiv aber ist, wie wir noch sehen werden, ganz zweifellos erst im zweiten Jahrhundert hin eingetragen worden. Ein andermal halten sich die »Schriftgelehrten und Pharisäer« darüber auf, daß die Jünger Jesu die Überliefe'־־־ rung der Ältesten übertreten, da sie ihre Hände nicht waschen, wenn sie Brod essen. Wenn nun Jesus ihnen darauf entgegenhält, »daß sie selbst die Gebote Gottes um ihrer Überlieferung willen übertreten«, so steht er mit seiner Anschauung einfach auf dem Boden des Sadduzäismus; und das galt noch nicht als ein todeswürdiges Verbrechen. Auf Grund eines solchen Geplänkels glaubhaft machen zu wollen, daß Jesus von den Pharisäern am Leben feedroht war, während die die pharisäische Traditionslehre verwerfenden Sadduzäer und die gesetzesverachtenden Minäer gefahrlos ihre religiösen oder irreligiösen Lehren vertreten und verfechten durften, heißt in Wahrheit »Mücken durchseihen und Elefanten verschlucken«. Aus einem so fragwürdigen historischen Material läßt sich weder der große Haß erklären, mit welchem die kanonischen Evangelien Jesus vom Judentum verfolgt sein lassen, noch ein Todesverbrechen konstruieren. Wir müssen tiefer suchen. Steht es auch außer Zweifel, daß Jesus den Pharisäismus im Prinzip verurteilte, da er, der in der Religion Mosis und der Propheten die Weltreligion sah, sie aus der nationalen Verengung und den traditionellen Schranken, mit denen der Pharisäismus sie umgeben, herauszuführeh strebte; so ist es andererseits ebenso gewiß, daß die »Schriftgelehrten und Pharisäer«, mit denen er es zu tun hatte, die ihm allerort in den Weg traten, jene Gesetzeslehrer nicht sein konnten, welche zu seiner Zeit die religiöse Führung des Volkes in den Händen hatten. Diese kennen wir aus Josephas und aus dem Talmud; und man ג) Joh. 5, 16-18.