Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1910-01-01 · Heft 6 · p. Seite 701

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
54 (1910)
Issue
Heft 6
Article
Wie verhielt sich das Judentum zu Jesus und dem entstehenden Christentum?
Date
1910-01-01
Page
Seite 701 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2829827-2829834-2890360--38325-2890440
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

und dem entstehenden Christentum? 701 sondern auch sagte, »Gott sei sein Vater, und machte sich selbst Gott gleich«1). Dieses Motiv aber ist, wie wir noch sehen werden, ganz zweifellos erst im zweiten Jahrhundert hin eingetragen worden. Ein andermal halten sich die »Schriftgelehrten und Pharisäer« darüber auf, daß die Jünger Jesu die Überliefe'־־־ rung der Ältesten übertreten, da sie ihre Hände nicht waschen, wenn sie Brod essen. Wenn nun Jesus ihnen darauf entgegenhält, »daß sie selbst die Gebote Gottes um ihrer Überlieferung willen übertreten«, so steht er mit seiner Anschauung einfach auf dem Boden des Sadduzäismus; und das galt noch nicht als ein todeswürdiges Verbrechen. Auf Grund eines solchen Geplänkels glaubhaft machen zu wollen, daß Jesus von den Pharisäern am Leben feedroht war, während die die pharisäische Traditionslehre verwerfenden Sadduzäer und die gesetzesverachtenden Minäer gefahrlos ihre religiösen oder irreligiösen Lehren vertreten und verfechten durften, heißt in Wahrheit »Mücken durchseihen und Elefanten verschlucken«. Aus einem so fragwürdigen historischen Material läßt sich weder der große Haß erklären, mit welchem die kanonischen Evangelien Jesus vom Judentum verfolgt sein lassen, noch ein Todesverbrechen konstruieren. Wir müssen tiefer suchen. Steht es auch außer Zweifel, daß Jesus den Pharisäismus im Prinzip verurteilte, da er, der in der Religion Mosis und der Propheten die Weltreligion sah, sie aus der nationalen Verengung und den traditionellen Schranken, mit denen der Pharisäismus sie umgeben, herauszuführeh strebte; so ist es andererseits ebenso gewiß, daß die »Schriftgelehrten und Pharisäer«, mit denen er es zu tun hatte, die ihm allerort in den Weg traten, jene Gesetzeslehrer nicht sein konnten, welche zu seiner Zeit die religiöse Führung des Volkes in den Händen hatten. Diese kennen wir aus Josephas und aus dem Talmud; und man ג) Joh. 5, 16-18.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.