Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Wie verhielt sich das Judentum zu Jesus und dem entstehenden Christentum?
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 699 (sequence 3)
- Language
- German
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und dem entstehenden Christentum? 699 Barmherzigkeit und den Glauben«1); aber er geißelt die frommen Pharisäer nicht, die solches lehren und auch halten. Welchen haltbaren Grund aber vermögen die Evangelien für eine blutige Verfolgung Jesu seitens des pharisäischen Judentums anzuführen? Wir wenigstens suchen einen soleben vergebens. Bedenken wir, daß seit der Zeit, da es eine politische Rivalität zwischen Pharisäern und Sadduzäern nicht mehr gab, von einer Verfolgung der die Traditionslehre beharrlich ablehnenden Sadduzäer nirgends die Rede ist, daß vielmehr die pharisäischen Schriftgelehrten mit diesen ihren religiösen Widersachern gemeinschaftlich im Synhedricm saßen; vergegenwärtigen wir uns, daß die schärfste Maß*־ rege*, die gegen die minäischen Sekten, welche doch die göttliche Inspiration des Gesetzes und die Auferstehungslehre leugneten, zwei Gottheiten einführten, eingeleitet wurde, eine präventive war: Ausschließung aus der Synagoge und dem socialen Verkehr, um dem Abfall im Judentum zu steuern; so ist es schwer einzusehen, warum Jesus wegen einiger seinen Jüngern zur Last gelegten Übertretungen tra~ üütioneller Satzungen so tätlich gehaßt und verfolgt worden sein soll. — Man denke, ein Elischa b. Abuja, Acher genannt, der, durch die Lektüre »vieler minäischer Schriften« zum Abfall gebracht, als Atheist sein Leben beschloß, der aggressiv gegen den Pharisäismus auftrat, hatte nicht nur keine Verfolgung von diesen zu erleiden; R. Meir, eine Leuchte unter den Gesetzeslehrern, verkehrt sogar ungescheut nach wie vor mit dem des ewigen Lebens verlustig gegangenen Apostaten, und seine Kollegen entschuldigen diesen Umgang mit den Worten: R. Meir habe von der Frucht nur den Kern genossen, die Schale aber weggeworfen. Jesus aber, der das Gesetz wie kaum ein anderer zu wür~ digen verstand, der kein Iota von demselben missen wollte, er wurde wegen Übertretung traditioneller Satzungen des l) Mt 23, 23.