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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1910-01-01 · Heft 6 · p. Seite 679

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
54 (1910)
Issue
Heft 6
Article
Die Juden bei Wilhelm Raabe
Date
1910-01-01
Page
Seite 679 (sequence 39)
Language
German
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Die Juden bei Wilhelm Raabe. 679 In Höxter sieht es übel aus. Die Bürgerschaft ist entzweit. Katholiken und Lutheraner haben sich viel von der französischen Besatzung gefallen lassen müssen, und jeder sucht nach Jemand, an dem er seine Galle los werden könnte. »Selbst das Judengeleit, so die Stadt doch vor und nach anno 1624 gehabt, ist ihr auch wieder weggenommen, daß anitzo ein Hauffen Juden solle in den bürgerlichen Häusern allda wohnen, ihren Wucher treiben und dennoch der Stadt nichts geben« schreien die Lutherischen. Was die Judenschaft anbetraf, so hielt sie sich versländigerweise so still als möglich, ohne daß es ihr viel half. Wild und wüst wie in den Gassen und Häusern sah es in den Gemütern aus, da nach dem Abzug der Franzosen Höxter für eine Zeit sich selber anheimgegeben war. Auch das Haus Leahs hatten 50 Franzosen innegehabt und fürchterlich darin gehaust; aber schon am Abend ihres Abzugs hatte sich Jemand eingefunden, der eine Weile starr mit gefalteten Händen und unterdrücktem Schluchzen ob der Wüstenei dastand, bis er in ein lautes Weinen ausbrach; und dieser Jemand war ein kleines Mädchen von 14 Jahren, der Greisin letzte Enkelin gewesen ... Doch das Kind hatte sich gefaßt... Es war eben auch ein Sprößling jenes tapfersten aller Völker, das sich auf jedem Brandschutte seines Glückes schier noch hartnäckiger als das deutsche Volk mit seinen Wurzelfasern wieder an zuheften wußte«. Vor allen Dingen hatte das kleine Judenmädchen das Haus gereinigt. Der Volks- und Glaubensgenosse Meister Samuel hatte die Lampe hergeliehen; sein Weib Siphra hatte einen Handkorb mit einem schwärzen Brot, einem schlechten Messer ohne Griff, einen irdenen Krug und einen mit Draht umflochtenen Korb dazugetan. »•Wir würden dir die Taschen mit Gold und Silber füllen und dir eine Herde von Zicklein und Böcklein vorausgehen und Öl und Gewürz nachfahren lassen, wenn wirs könnten;

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