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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1910-01-01 · Heft 6 · p. Seite 678

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
54 (1910)
Issue
Heft 6
Article
Die Juden bei Wilhelm Raabe
Date
1910-01-01
Page
Seite 678 (sequence 38)
Language
German
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67S Die Juden bei Wilhelm Raabe. keuchend unter einem schweren Bündel, ein Judenweib, unter dem Namen Kröppel-Leah dem Pöbel von Höxter wohlbekannt, doch hochangesehen bei ihren Glaubensgenossen; wegmatt, zeitmatt, kriegszersaust und kriegerisch. »Der Gott Abrahams knöpfe dem Schlingel da drüben die Ohren auf. Tretet heran, Frau; werft Euer Bündel ab und setzet Euch! Um uns beide rührt sich der liederliche Bursch fürs Erste noch nicht.« »Ich danke Euch, guter, ehrwürdiger Herr!« erwidert die Greisin. »Alte Knochen, müde Füße, schweres Herz. Ich kann In Geduldigkeit warten.« Ihrer Schwester Sohn, der letzte Mann in ihrem Hause, ist in Gronau im Hildesheimischen gestorben und sie hat sich die Erbschaft geholt. Zu den beiden gesellt sich bald ein Dritter, der Pastor der lutherischen Kilianskirche in Höxter. So sind die drei Religionsbekenntnisse nebeneinander gestellt, aber wie im »Nathan« ist es nicht eben der Vertreter der mächtigeren Partei, diesmal der Protestanten, der die schönste Rolle spielt. Endlich ist der Fährmann herübergekommen, ladet den Pastor sehr höflich ein einzusteigen, weniger höflich den Mönch, die Jüdin gar nimmt er erst auf die Verwendüng des Bruders mit, der ihr auch zu einem Sitz im Kahne verhilft. Von Zeit zu Zeit wirft der rohe Schiffer verstohlene Blicke auf den Sack der Kröppel-Leah. Man landet. »Heraus Alte! Marsch — her den Fuhrlohn, und — fort mit dir, du Hexe!« schrie der Fährmann. »Gott Abrahams! Gleich, lieber Mann!« rief die Greisin. »Werdet nicht böse!« Mit zitternder Hand reichte sie die schlechten Pfennige hin, stolperte und fiel, als sie mit ihrem Bündel über den Bord des Kahnesstieg. Die von der Wacht lachten alle (es sind Katholiken und Protestanten) überdas alte Weib, und einer der wachehaltenden Schneider trieb sie spaßhafterweise mit dem Spießende zum eiligen Forthumpeln an. Der Fährmann aber sieht ihr sehr nachdenklieh nach und nimmt einen und den anderen Kumpan aus der versammelten Menge zu einem Geflüster auf die Seite

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