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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1910-01-01 · Heft 6 · p. Seite 676

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
54 (1910)
Issue
Heft 6
Article
Die Juden bei Wilhelm Raabe
Date
1910-01-01
Page
Seite 676 (sequence 36)
Language
German
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676 Die Juden bei Wilhelm Raabe. Grabstein gelehnt und neben ihr der alte Pastor, den sie gleichfalls aufrecht zu halten hatte durch allerlei Trostworte. Ihre Augen leuchteten, wenngleich ihre Glieder zitterten. »Sie sah über die Flammen der Nähe, auf die Blitze und Wolkenbrüche der Ferne und alte Verse aus den Psalmen der Väter gingen ihr durch den Sinn und wurden laut auf ihren Lippen. Sie stand wie die Seherinnen ihres Volkes, wenn unter ihren Füßen die Schlachten gegen die Heiden geschlagen wurden; sie reckte ihren Arm aus«. Es sind die gewaltigen Verse 8—16 des 18. Psalm es, die sie spricht. Am Abend des schrecklichen Tages macht sie der Justizrat auf die drohende Haltung des Dorfvolkes aufmerksam, aber sie blickt nur gleichgiltig auf, zu gleicher Zeit den Kopf Eilikes sanft berührend, »Wir können nicht heraus«, sagt sie, »es ist vergeblich, wir stecken in uns, wir stecken in der Menschheit, wir sind gefangen in dem harten Gefängnis der Welt. Wir keuchen nach Freiheit, Erkenntnis, Schönheit und im günstigen Falle wird uns gestopft der Mund mit Erde. Morgen werde ich wieder anders denken; aber jetzt sehne ich mich nach der dunklen Ecke auf der Weiberseite der Synagoge, wo ich saß mit meiner Mutter und sang, und wo ich hörte ablesen die Thora, das Gesetz«. Treffender kann kaum der tiefe Gegensatz dargestellt werden, der in dem modernen Juden sich geltend macht, zwischen der neuen Welt mit ihrer Unruhe und Sehnsucht, nach der er strebt, und der alten mit dem Gefühl der patriarchalischen geistigen Sicherheit, die ihm die enge Judengemeinde bot. Auf einem zutal fahrenden Leiterwagen, auf einer Kiste sitzend, bringt endlich Salome ihren Schützling in Sicherheit. Vier Tage später besucht Schölten die Baronin und findet sie am Bette Eilikes, die in einem hitzigen Fieber liegt. Der Doktor hat ihr bereits den Trost gegeben, daß keine Gefahr für ihr Leben sei. »Und nachher soll sie es

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