Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Juden bei Wilhelm Raabe
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 674 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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674 Die Juden bei Wilhelm Raabe. Frau Baronin anreden darf. »Sie ist über der Welt Eitelkeit so erhaben, wie je ein tüchtiger und verständiger Mann«. Daher habe er sie mit Querians Kinde bekannt gemacht, seine kluge, klare hebräische Freundin wolle den Vater nach Rom spedieren, das Kind zu sich nehmen und ihm eine menschenwürdige Existenz schaffen. Das ist auch wirklich ihre Absicht. Außer dem Mitleid bewegt sie dazu auch das Gefühl tiefster Vereinsamung bei all ihrem Reichtum. Ihre Verwandten verstehen ihren freien Geist, ihr großes Herz, nicht. »Der Ichor in ihren Adern machte ihr das Dasein keineswegs gemütlicher. Ihre so weit über ganz Europa verbreitete Blutsverwandtschaft gab nichts auf den Ichor. »Was tue ich mit dem Ichor?« fragten die Verwandtschaft und die Frau Salome, die, wenn sie in Leidenschaft geriet, sofort immer in den jüdischen Akzent und Inversionsstil fiel, sagte zu Schölten: »Es ist immer dasselbe gewesen mit mir und es wird mit mir bleiben das Nämliche. Ich habe in einer feinen Wiege gelegen, und ich bin geboren mit einem großen Ekel vor vielen Dingen, und Alles, was mir zuwider ist, ist listiger und mächtiger als ich. Und auch ich bin aus Affrontenburg, wie mein Stammesgenosse, der gute Heinrich Heine, und ich bin ein armes Mädchen und Weib gewesen und habe mich ducken müssen vor jedem Affront, der mir angetan worden ist zu Affrontenburg« und »dann kam ein Strahl von dem uralten, scharfen Geierblick, wie er durch die Bücher vor den Königen funkelt und in den Büchern der Makkabäer vor Antiochus, dem Syrier«. »Ja«, fährt sie zur Bestätigung fort, »Ja, sie hätten es gern gehabt, wenn ich auch gelächelt hätte zu jeglichem Affront; aber ich habe dann und wann gelacht! Ich habe auch meine Zähne, und sie sind echt und sind echte jüdische Zähne. Ich habe gebissen, wenn ich gleich keine bissigen Gedichte und Lieder drucken lassen konnte, wie der Pariser Poet, mein talentvoller Herr Vetter aus dem Morgenlande. Und ich weiß fertig zu werden mit