Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1910-01-01 · Heft 6 · p. Seite 673

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
54 (1910)
Issue
Heft 6
Article
Die Juden bei Wilhelm Raabe
Date
1910-01-01
Page
Seite 673 (sequence 33)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2829132-2829827-2829834-2890358--38295-2890412
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Die Juden bei Wilhelm Raabe. 673 . ... nun denn, beiden Göttern des Aufgangs und Niedergangs, wenn du vor mir stirbst, Menschenkind, will ich mich über deinem Hügel auf den Schild lehnen und sprechen: Das war ein braves, ordentliches Weib! Mit dem Worte »außerordentlich« wird ein zu großer Mißbrauch getrieben, als daß ein Freund dem anderen es in die Grube mitgeben könnte«. Salome kennt ihren grundbraven, ehrlichen Freund und seine barocke Ausdrucksweise und erklärt ihm einmal, er bringe es doch nicht dahin, von der närrischen Judenmadam Salome Veitor für den verzwicktesten der Sterblichen gehalten zu werden. »Wir haben unter uns Karaktere, denen Sie längst nicht das Wasser reichen, bester Justizrat!« Die Geschichte beginnt eigentlich damit, daß Schollen der jüdischen »Edelfrau« sein Sorgenkind, die Tochter seines Freundes Querian zeigt. Salome wird von tiefstem, herzlichstem Mitleid für die arme, halbverhungerte, vern&chlässigte Eiiike ergriffen. Sie übersieht rasch die Lage. »Was dieses Kind ist, sehe ich. Wie es geworden ist, kann ich mir in hundertfacher Weise vorstellen. Wie da zu helfen ist, kann ich mir auch auslegen . .. aber ich will diesen Mann kennen lernen. Wenn er Geld haben will, soll er es haben. Er soll mir heraus! Wenn er ein Künstler, ein Bildhauer ist, soll er weg von hier — einerlei wohin — nach Italien, nach Rom und mir soll er sein Kind lassen«. Der Justizrat bleibt vor Frau Salome stehen und sagt mit einer Stimme, die ob der Rührung nur noch schnarrender wurde: »Ich würde es da nicht zum ersten Male erfahren, daß Ihnen der Gott Abrahams in Fällen Gedeihen gibt, wo andere Leute unfehlbar und ohne Gnade fehlgreifen.« In einem Brief an seinen Freund Schwanewede berichtet Schölten: »Ich bin einem Menschen begegnet; einem Menschen weiblichen Geschlechtes — einem Weibe, und zwar einem jüdischen Weibe, welches ich im Affekt oder bei schlechter Laune ohne Widerspruch 43 Monatsschrift, 54. Jahrgang.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.