Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Juden bei Wilhelm Raabe
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 669 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden bei Wilhelm Raabe. 669 Der schwarze, feuchte, modrige Boden hat »so viele arggeplagte, mißhandelte, verachtete, angstgeschlagene Generationen lebendiger Wesen verschlungen«. Kann das Schicksal der mittelalterlichen Juden kürzer und treffender bezeichnet worden? Der Vater Jemimas heißt zwar nicht Hiob, sondern Baruch Löw, »aber er war doch ein gutes Seitenstück zu jenem Dulder in der Zeit der Plagen«. Freilich — und wer wird sich darüber aufhalten? — das Volk in der Josefstadt, das der Student sieht, ist durchgängig häßlich, und der Schmutz und die Düfte in den engen Gassen werden nicht übergangen, aber auch das sind keine allgemeinen Eigenschäften der Juden; im »Frühling« und in: Höxter und Corvey wird ebenso der Reinlichkeitssinn Rachels, Ruths und der Simeaih, wie hier die Schönheit Jemimas und der Mahalath und in »Salome« die der Heldin, hervorgehoben. »Jemirna erzählt« von den weisen, tugendhaften^ frommen Männern und Frauen, von edlen Duldern und Dulderinnen, schönen Männern und Jünglingen, die au * dem Friedhofe ruhen; sie erzählt vom hohen Rabbi Löw, wie er Bescheid wußte im Talmud und in der Kabbala, wie er einen »Golem«, einen Diener aus der Geisterwelt, hatte, wie er seine Frau, die schöne Perl gewann, wie er vierhundert Schüler besaß und sein Leben auf 120 Jahre gebracht habe. Wie warm erzählt sie, d. h. der Dichter, vom guten Kaiser Josef, der die Mauern der Judenstadt niedergeworfen und ihr seinen eigenen milden und glorreichen Namen zu seiner Ehre gegeben! »Er hat dies Gefängnis zerbrochen und uns atmen lassen mit dem anderen Volk; der Gott Israels segne seine Asche!« »Die Mahalath», berichtet sie ferner, »war auch in Schmutz und in der Dunkelheit geboren, wie ich; denn unter der großmächtigen Kaiserin Maria Theresia war die Stadt der Juden ein viel traurigerer Ort als heute, und sie gönnte uns die freie Luft nicht, und bezahlen mußten wir jährlich 200.000 Gülden für