Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Juden bei Wilhelm Raabe
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 666 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829827-2829834-2890358--38288-2890405- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
665 Die Juden bei Wilhelm Raabe. Aber sie täuscht ihn und bringt ihn in ein Spital für alte christliche Weiber. Er muß?einen Weg allein finden. Während er am Ziele tief ergriffen über die Vergänglichkeit des Lebens nachdenkt, ertönt über ihm ein kindlich helles Lachen. Mitten im Gezweigs eines der niederen Hollunderbüsche sitzt das neckische Kind. Er erfährt, sie heiße Jemima, wie die Tochter Hiobs, ־and Jemima bedeute auf deutsch: Tag*. Ein mächtiger Zauber ergreift ihn, das Bild Jemirnas verfolgt ihn überall; es Ist ein echt körperlicher, nicht nur geistiger Schmerz, und die Pein legt sich nur im Schatten der alten grimmigen Mauern und Häuser des Judenviertels. Er schließt Freundschaft mit dem graubärtigen Pförtner des Friedhofs, dessen Verwandte Jemima Löw ist und verlebt mit dieser auf dem »Seth Chaim« seltsame Sommertage, welche die Welt lange nicht so lieblich gesehen hatte«. Von Liebe wird nicht gesprochen, er liebt ja das Mädchen auch nicht, weiß aber auch keinen anderen Hamen zu finden für die Gefühle, die ihn bewegen. Eines Tages zeigt sie ihm einen Grabstein mit der hebräischem Inschrift:-Mahalath. Tänzerin, bedeute das, erklärte ihm Jemima, und sie sei an ihrem kranken Herzen gestorben, und das werde auch Ihr Los sein. Nicht an der Liebe zu dem jungen Grafen sei sie gestorben, wie die Leute sagten, sondern weil ihre Seele zu stolz war, äußerlich zu zeigen, was sie duldete um ihr Volk. Sie erzählt so einfach und doch so ergreifend, daß der Student ohne zu wissen, was er tut, ausruft: »Jeminna, Jemirna! ich liebe dich«. Doch das scharf und klar denkende Mädchen täuscht sich nicht; sie sieht ihm fest ins Auge und er muß es niederschlagen. Sie beruhigt ihn, sie müsse ja an ihrem kranken Herzen sterben und scheidet mit den Worten: »Gedenke der Hollunderblüte«. Der Pförtner, dem er sich eröffnet, rät ihm Prag zu verlassen. Der Student gehorcht, aber im darauf folgenden Frühling treibt es ihn mit‘unwiderstehlichem Zwange zurück in die Moldaustadt. Er findet das liebliche Kind nicht mehr.