Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Juden bei Wilhelm Raabe
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 665 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Jaden bei Wilhelm Raabe. 655 über Moses, den Sohn Samuels sprach, darüber redete Hans niemals (S. 301). Daraus nun, wie Moses von seinen früheren Glaubensgenossen, selbst von seiner zweiten Mutter, beurteilt wird, sehen wir abermals, daß er eben ein Schuft per se ist, daß er nicht eine konstitutionelle Karaktereigentümlichkeit der Juden verkörpern soll. So flüchtig endlich (S. 86) von Moses Mutter, dem ע Blümchen« gesprochen wird, es genügt, sie in freundlichem Lichte erscheinen zu lassen. Sie hatte ihren Mann geliebt und ihn höchst ungern allein gelassen in der Welt. Ist im Hungerpastor die Figur Moses’ der beabsichtigte Gegensatz zu der Gestalt des Hans Unwirrsch und tritt sie daher erst in zweite Linie, so steht in »Hoilunä e r b 1 ü t e« ein Judenmädchen im Mittelpunkt der Handlung. Die Erzählung erschien 1883 in »Über Land und Meer«, 1865 als letzte Geschichte der Sammlung?Ferne Stimmen« und jetzt als Schluß des ersten Bandes der »Gesammelten Erzählungen«. Es ist »eine Erinnerung aus dem Hause des Lebens« dem >Beth Chaim«, dem uralten Prager Judenfriedhof und eine tieftraurige, ergreifende Geschichte, durchweht von den schweren Düften des Hollunders, der auf dem Friedhofe emporwuchert. Ein alter Arzt erzählt den kurzen Traum, den er hier als Student mit dem fünfzehnjährigen Judenmädchen Jernima Löw erlebt hat, und wie diese an ihrer Liebe gestorben ist, ebenso wie vor langen Jahren in einem ähnlichen Falle ihre Verwandte Mahalath. »Mein Herz nahm es mir, und doch liebte ich es nicht, und eine traurige Geschichte ward daraus«. Der Student, der nach Prag gekommen ist, Medizin zu studieren, will den alten, berühmten Friedhof in der Josefstadt aufsuchen. An dem Pfosten einer dunklen Haustür lehnt träge, doch nicht unzierlich ein fünfzehnjähriges Madeben. Auf die Frage nach dem Friedhof hält sie ihm ihre kleine, braune Hand entgegen; er legt sechs Kreuzer hinein.