Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Juden bei Wilhelm Raabe
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 664 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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664 Die Juden bei Wilhelm Raabe. Wie schon in der Chronik der Sperlingsgasse stellt er die Juden als das Volk hin, das den Deutschen inbezug auf die Liebe zum eigenen Volke als Muster dienen könne. »In den Geschichten des alten Bundes war Moses natürlich sehr bewandert und sprach davon immer in der ersten Person Pluralis: »Als wir in Egypten waren — als wir abfielen von König Saul — als wir zu Babylon in der Ge״ fangenschaft saßen — als wir die Assyrier verjagten . . . Diese Art zu reden, welche der Deutsche leider Gottes nicht kennt, hatte er auch von seinem Vater, der die Geschichte seines Volkes aus dem Grunde kannte, stolz darauf war und gern und viel davon sprach.« (S? 49). Mag auch der Apostat Dr. Theopil Stein in eigennütziger Absicht pathetisch über das Judentum sprechen, inhaltlich spricht er im Namen des Dichters: »Die außerhalb der Bibel liegende Geschichte und Überlieferung des Judentums ist unendlich reich an Zügen individuellen Heldenmuts, stoischer Todesverachtung, reich an Zügen von Standhaftigkeit und Glaphensstplz, wie sie kaum ein anderes Volk auf z u we! $ en h at. Auch nach der Zerstörung des Tempels sind Helden und Profeten unter dem zerstreuten Israel aufgetreten und über eine eigene Poesie, einen Schatz voll ergreifender und hinreißender Anekdoten hat der zu gebieten, welcher diese so tragische und so unbekannte Welt emporsteigen lassen kann.« (S. 225). Wie richtig ist Börne gekennzeichnet, der, eigentlich Löb Baruch, als germanice Ludwig Börne sich um ein Adoptivvaterland zu Tode grämte. (S. 108). Auf seinem Besuche in der Heimatstadt sieht Hans auf der Schwelle eines ärmlichen Judenhauses auch Esther, die ehemalige Haushälterin des alten und Pflegerin des jungen Freudenstein. Sie war das älteste Weib der Stadt, gerade. 100 Jahre alt. Der Segen des Herrn war bei ihr, ihr Geist war noch scharf und klar; in welcher Weise sie gegen Hans