Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Juden bei Wilhelm Raabe
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 662 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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- OCR quality
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662 Die Jud3n bei Wilhelm Raabe. sellschaftlichen Lebens^ soweit sie ihnen in der kleinen׳ Stadt aufstoßen. Am Tage des Maturitätsexamens, bei dem Moses dieerste Stelle erhalten hat, eröffnet ihm, wie bereits erwähnt, nun sein Vater auch den Reichtum, den er für ihn erworben. Aber es war eine böse Minute, in der Samuel• seinem Sohne verkündete, daß er ein reicher Mann sei, und daß es Moses dereinst sein werde. Zu spät erkennt der' Vater, »daß er seinem Kinde mit einem so lange und gut verborgenen Schatz nur Finsternis und Verderben gegeben hatte«. Und diese Erkenntnis bringt ihm den Tod. »Hat er gelernt zu viel, ist er geworden zu klug, wird er werden ein Verräter an seinem Volke«, seufzen Moses einige alte Judenweiber nach, als er die Vaterstadt verläßt, um die Universität zu besuchen, wo er zu den Philosophen ging,, mit der Absicht, viel mehr als Philosophie zu studieren. Seine späteren Schicksale kennen wir bereits. Er ist, den gegebenen Voraussetzungen gemäß ein vollkommener, gewissenloser Egoist geworden, dem nichts heilig ist, dern Vaterland, Ehre und Glück der Nebenrnenschen leere Worte sind. Das Fazit zieht kurz und richtig Hans Unwirrsch in einem Briefe an Base Schlotterbeck (S. 288 f.}. Moses Freudenstein ist tot für mich, und ich bedaure ihn tief, ich trage schweres Leid um ihn. Viel habe ich über die vergangene Zeit nachgedacht und darüber, wie es gekommen ist... Ich habe mich bis zu den Häusern unserer Väter in der Kröppelstraße zurückgetastet und habe mit Seufzen gefunden, was ich suchte, Der Hunger, der uns beide, den Moses Freudenstein wie den Hans Unwirrsch ausgetrieben hat in die Welt, hat den Moses zu dem gemacht, was er ist. Nach dem Wissen sind wir ausgezogen und nach dern Glück: in dunklen, armen Hütten sind wir geboren und aufgewachsen und der Glanz, welcher durch die Spaltern und Ritzen der niederen Dächer fiel, hat uns gelockt . .