Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Juden bei Wilhelm Raabe
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 655 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden bei Wilhelm Raabe. 655 die erste Ursache gewesen sei und dann wird durch ein Geschenk von hundert Dukaten erreicht, daß der Leichnam wieder ausgegraben werden darf, was diesmal Henrich Israel besorgen muß, abermals zum Gaudium der ganzen Stadt. »O, Commandante«, meint der Doktor Skalholt, »wie sind sie über uns gekommen, Christen und Juden, der Herr Hieronymus Moekel, wie Meister Jakob Jakobsohn, der Oberrabbiner«. Henrich Israel wird vom Obersten auf Frederikshall eine Zufluchtsstätte geboten. Raabe verspottet, wie wir leicht ersehen, die Unduldsamkeit auf beiden Seiten, indem er selbst auf dem Standpunkte Friedrichs IV. und Friedrichs II. von Preußen steht, die jedermann nach seiner Fasson selig werden lassen wollten. Das Buch aber, in dem allein Raabe einen jüdischen .Schurken gekennzeichnet hat, ist der Hungerpastor (1864, 30. Aufl., 1908, Janke, Berlin) nächst der Chronik am meisten gelesen und bekannt. Auf dieses Buch pflegen sich Gegner der Juden zu berufen, um aus Raabe einen Judenfeind machen zu können, obgleich schon das Motto, das Wort der sophokleischen Antigone: »Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da«, sie eines Besseren belehren müßte. Es liegt, wie bereits gesagt wurde, durchaus nicht in dem Wesen des Braunschweiger Weisen, dieses Propheten der Liebe, eine ganze Menschenklasse, eine Religion herabzusetzen oder zu schmähen. Gerade über den »Hungerpastör« und die Gestalt des Moses Freudenstein sagt Ad. Stern: .Meisterhaftjsind die Gegensätze des Hungers in den Studentenfiguren des Hans Unwirrsch und M, Freudenstein dargestellt. Wir haben hier mit wahrhaft typischen Gestalten zu tun und während kein Mensch den liebenswürdigen und durch und durch humanen Dichter in Verdacht ziehen wird, daß er konfessionellen oder Rassenhaß verbreiten wolle, hat ihn die Lauterkeit seiner Natur und die leidenschaftliche Hingabe