Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Juden bei Wilhelm Raabe
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 656 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829827-2829834-2890358--38278-2890395- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
656 Die Juden bei Wilhelm Raäbe. an das Beste in der deutschen Volksseele zii einer Dar- Stellung wie jener des Moses Freudenstein alias TheöpHil Stein geführt« (StücLz. Liter, d. Gegenw2 ״. Auf!. Dresel, u. Lpz. Koch, 1898). Wir aber werden den Raräkter FreudensteinS von einer anderen Seite zu untersuchen haben und wohl noch eine andere Begründung finden. Zuvor jedoch möge der Inhalt des Buches insoweit angegeben werden, als zum Verständnis notwendig ist. In einer kleinen Stadt, in der Kröppelgasse werden an demselben Tage zwei Knaben geboren, dem armen Schuster Anton Unwirrsch der eine, dem Trödler Samuel Freudenstein der andere. Der Beiden Entwicklungistder Gegenstandder Erzählung. Vater Unwirrsch, ein zweiter Jakob Böhme, stirbt nach einem Jahre, aber in dem Sohne Hans lebt sein eifriges Streben nach der Erkenntnis, die er selbst nicht hatte erreichen können,, weiter. Seine Mutter, eine Base Schlötterbeck und in seiner Art der Onkel Grünebaum sorgen für die Erziehung des Kindes, das zwar in bitterer Armut, aber liebevoll gepflegt, in einer reichen Phantasiewelt heranwächst Anders ist es bei Moses. Seine Mutter hat sein Leben mit ihrem Tode bezahlt und so fehlt ihm von Anfang an die zart führende Hand eines weiblichen Wesens. Sein Vater aber, der aus dem Osten stammt, — beide Umstände können nicht scharf genug hervorgehoben werden —־ hat das Los der verachteten, mißhandelten Juden reichlich erfahren und möchte seinen Sohn vor seinem traurigen Schicksal schützen. Das ist nach seiner Ansicht nur Geld und Wissen, die beide Macht verleihen, imstande. Wie Anton Unwirrsch will er seinem Sohne den Weg durch die Welt leichter machen, als er ihn gefunden hat. Moses lernt leicht. Gefühle und Phantasie sind beiden für ihre Zwecke wertlose Dinge. Wie so oft bei Raabe entwickelt sich zwischen den Nachbarkindern eine Freundschaft, die bis zum Abgang ah die Universität fortdauert. Dann trennen sich ihre Wege. Am Abend naöh glücklich bestandenem Maturitätsexamen eröffnet Sä-