Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Juden bei Wilhelm Raabe
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 650 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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650 Die Juden bei Wilhelm Raabe. seinem Zwerchsacke der armen, trostlosen Moni ca, der Tochter des Pastors Valentin Fichtner ein Kettlein und einen Brief von ihrem in den Krieg gezogenen Klaus heran. »Der Pastor mochte sonst die Juden durchaus nicht leiden und hielt sie nicht anders als ein schmutzig beißend Ungeziefer, so sich am reinen Leibe der deutschen Nation eingenistet habe und welches durch Kamm und Bürste zu vertreiben sei; aber mit diesem Hebräer, welcher seinem kranken Kinde das Leben wieder gab, hätte er sein Bett geteilt, wenn er es verlangt hätte. Seinen Tisch teilte er mit ihm und als Mauschi Itzig Abschied nahm, mußte er sich gestehen durch die Ablieferung der Kette und des Briefes ein gutes Geschäft gemacht zu haben«. Ist hiebei die Denkweise des guten Pastors ganz im Geäste der Zeit, so stört mich doch der allzu triviale Name des Juden, der keineswegs der Wirklichkeit entlehnt ist. Auch seine Beteuerung: »Bei Moses« habe ich von Juden ebensowenig je gehört, wie die Schwüre: Bei dem Gott Abrahams, bei dem Gott meiner Väter oder das abschließende Selah der Psalmen in einer Rede Jakob Rosensteins. Auch in der großen Erzählung: Die Leute aus dem Walde (1862) werden Juden und Judentum nur gelegentlich und so nebenher erwähnt. So ist in der großen Gesellschaft des christlichen Banquiers Wienand »christliches Banquiertum mit jüdischer Legierung und jüdisches Banquiertum mit feudaler Betitelung, wie sich das von selbst verstandj am stärksten vertreten (5. Kap.)«, aber ein jüdischer Banquier oder gar ein karikierter wird nicht angeführt, was »ein moderner Schriftsteller« sich schwerlich hätte entgehen lassen. Dafür jedoch steht in diesem Kapitel eines der schönsten und wahrsten Worte Raabes: »Stille, stillet Das Auge, die Religion und die Frauen lassen nicht mit sich spaßen«. An diese beiden letzten der Trias hat sich unser Dichter sein Lebelang gehalten und: das auch verleiht jeder seiner Schriften ihren sittlichem