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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1910-01-01 · Heft 6 · p. Seite 648

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
54 (1910)
Issue
Heft 6
Article
Die Juden bei Wilhelm Raabe
Date
1910-01-01
Page
Seite 648 (sequence 8)
Language
German
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64$ Die Juden her Wilhelm Räabe. es dem Klärchen, unserem Klärchen, Herr Doktor?« rief Rahe), eilig an die Tür springend. »Übel, übel, übel, jam-7 mervoll, Kjnd!« seufzte der Naturforscher, die abermalige Verletzung seines ersten und letzten Gebotes vollständig überhörend und betrübt trabte er um die Ecke. »Braver Mann, der Herr Doktor Ostermeier«, sagte der alte Jude. »Schade, daß er nicht gehört zu uns — guter Mann, gelehrter Mann; aber was wollt׳ ich sagen vorhin: — war ein Trauerspiel in dem Gesicht der Frau, der fremden Frau da oben! Nun, wie sagt der Prophet: Eines Menschen Herz ist gegen den andern wie der Schemen im Wasser — sagt er; möge ihres Herzens Tafel heller geblieben sein, als ihre Stirn, sage ich«, ln diesem Augenblicke tritt Ruth in den väterliehen Laden und berichtet den Tod der fremden Frau. »So ist sie gestorben in der Dunkelgasse«, meinte der Patriarch, »natürlich! Hab׳ ich doch gelesen das Zeichen auf ihrer Stirn, wie sie kam vor zwei Monaten und niedersaß auf diesem Stuhl, auf diesem Stuhl da und nichts wollte haben als ein Glas Wasser zu kühlen ihre Zunge«. Zu beachten ist die Redeweise Rosensteins; es ist die den Juden üblicher Weise zugeschriebene, er jüdelt, während seine Töchter sich gewählt und völlig so ausdrücken, wie ihre christlichen Freunde und Freundinnen. Der Laden des Kleiderjuden ist auch der Sammelpunkt der Dunkelgesse. Hier wird das aufregende Ereignis ebenso wie die plötzliche Erkrankung Klärchens und ihre Aufnahme im Hause des ehemaligen Staatsministers Hagenheim von den Nachbarinnen auf ihre Weise besprochen, aber scharf tritt gegenüber dem Geschwätze der Weiber die Zurückhaltung und die Zartheit Ruths, die doch am meisten von der Sache weiß, und ihres Vaters hervor, wie denn überhaupt dieser trotz seinem grotesken Wesen eine nicht minder ansprechende Person ist, wie die Töchter. Durchaus nicht ironisch wird er wiederholt der Patriarch genannt und trägt nicht ohne Absicht den Namen Jakob.

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