Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Juden bei Wilhelm Raabe
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 647 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden bei Wilhelm Raabe. 647 neuesten, elegantesten Kostüm keinen Respekt hatte, alle Vorübergehenden aufs Unverschämteste zu Handelsgeschäften einlud, aber seine beiden Töchter Rahel und Ruth zu den bescheidensten, liebenswürdigsten Mädchen des Viertels »unser Clärchen natürlich ausgenommen«, auferzogeri hatte. (8. K.) Zu Beginn des 16. K. führt uns der Dichter in das Kleidergewölbe Jakob Rosensteins, der vermittelst eines Aushängeschildes den Vorübergehenden ankündigte, daß an dieser Stelle allein im Weltall die höchsten Preise für getragene Kleidungsstücke, Gold- und Silberwaren usw. gezahlt werden. Es ist eine dunkle, halb unterirdische Höhle, von wo aus — ich bediene mich so weit als möglich hier, wie in allem folgenden, der Worte des Dichters — der brave Israelit seine Fangnetze nach den oben erwähnten Herrlichkeiten unermüdet auswirft. Sie wird gerade einer Art von Reinigungsprozeß unterworfen von Rahel, der kleinen, bleichen Nähterin und dem Vater, der aber geistig an seiner Beschäftigung durchaus nicht teilzunehmen scheint. Den Grund erfahren wir alsbald. Auf die Frage der Tochter nämlich, die er zum dritten male mit der Gießkanne bespritzt hat: »Was ist dir denn eigentlich Vater? (früher einmal sagt sie: Vaterleben) Hast du schlecht geschlafen oder einen Ärger gehabt?« antwortet der Alte: »denke nicht daran; — muß ich doch denken an deine Schwester, die Ruth und an die kranke Frau da oben. Mein, will ich dir sagen, daß ich doch bin geworden ein großer, grausamer (d. h. gewaltiger) Philosoph hier an meiner Tür — keine alten Klei — ach, guten Morgen Herr Doktor! Auch schon aufgestanden, Herr Doktor! Bitt’ um Vergebung, Herr Doktor!« Der Übergang aus der Philosophie in den Handel mit abgelegten Kleidern und daraus in die Flut von Komplimenten war so überaus drollig, daß nur ein so ganz schlechter Mensch wie der Privatdozent Ostermeier den Nachbar anschnauzen konnte: »Bin kein Doktor, huste auf den Doktor, Himmeldonnerwetter, Doktor und kein Ende!« »Wie geht