Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Juden bei Wilhelm Raabe
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 646 (sequence 6)
- Language
- German
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646 Die Juden bei Wilhelm Raabe. die Welt unter dem Namen des Colosseums kennt und am welchem der Schweiß und das Blut des nämlichen Volkes haftet, das einst seine leichten Hirtenzelte in Haran und Kanaan aufschlug, dann die Pyramiden, darauf den Tempel Salomons baute und heute, ohne daß es ihm beschwerlich fiele, sehr leicht die Geldmittel zur Vollendung des Doms von Köln hergeben könnte«. Im 3. Kapitel, das die Überschrift: Caritas trägt, werden wir in ein Krankenzimmer in der »Dunkelgasse« geführt, die von dem »Proletariat der Menschheit« bewohnt wird, und finden hier an dem Krankenlager einer ehemals berühmten Frau eine junge Wärterin,. Ruth Rosenstein, die Tochter eines Trödeljuden der Dunkelgasse. Sie und ihre Schwester Rahel sind die Freundinnen der Heldin des Romans, der Blumenmacherin Clara Aldeck, der Tochter des Organisten und Kustos der Kirche zu St. Gereon, liebenswürdig wie diese. Sie verkehren mit einander auf völlig gleichem Fuße, ungetrübt durch irgend einen Gedanken an ihre religiöse und Stammesverschiedenheit. Erwägt man, daß Raabe bei der Wahl der Namen seiner Personen sehr sorgsam ist, so wird einem klar,, warum er die beiden Schwestern nach den zwei anmutigsten Gestalten des alten Testaments benannt hat. Dasselbe freundschaftliche Verhältnis besteht auch zwischen ihnen und dem Verlobten Clärchens, dem Philosophen Georg Leiding. Er lädt z. B. Rahel, die mit Clärchen das Haus der Modistin Mecker verläßt, bei der beide ihr Brod erwerben, ein, bei ihm zu essen. Des rituellen Hindernisses wird gar nicht gedacht. Rahel muß ablehnen, da der Vater auf sie wartet und sie auch für ihre Schwestern zu sorgen hat. Sie eilt heim, dem Vater bei der Bereitung des Mittagmahles zu helfen (6. Kap.). Ein anderer Bewohner der Dunkelgasse und Freund all der Genannten, der Privatdozent Justus Ostermeier, »der alte Bursche«, interessiert sich für mancherlei: für Philosophie der Geschichte und deshalb für den Kleiderjuden Rosenstein, der vor dem״