Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Juden bei Wilhelm Raabe
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 643 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829827-2829834-2890358--38265-2890382- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Juden bei Wilhelm Raabe. 643 spekulierenden Karikatur aber zu reden wie »Graf Cohn« hieße ihr und dem Autor zu große Ehren antun. Est modus in rebus, sunt certi denique fines Quos ultra citraque nequit consistere rectum. »Es ist eben keine Aufgabe schwerer als die, sich nur eine volle negative Freiheit des Denkens zu erringen. Gerade weil ... Vorurteile nicht bewußte Schlüsse des Verstandes, sondern instinktive, praktisch zureichende Eingebungen sind, sind sie so schwer durch bewußtes Denken zu ver- ־nichten und zu beseitigen« (Hartmann, Phil, der Unbew., 8. Aufl., S. 468). Man kann, volkstümlich gesprochen, gar nicht oder doch nur sehr schwer aus seiner Haut hinaus. Um so erfreulicher ist es, wenn ein Mann, der wie kein zweiter unter den lebenden Schriftstellern eine große, in sich geschlossene Weltanschauung besitzt, auch in der in Rede stehenden Frage volle Unbefangenheit zeigt. Und dieser Mann ist eben Wilhelm Raabe. Gar mancher, der von ihm nichts weiter kennt als den »Hungerpastor« mag zu dieser Behauptung den Kopf schütteln. Daß sie nicht ohne reifliche Erwägung, vielmehr aus der Kenntnis des ganzen Raabe, hervorgegangen ist, soll eben die folgende Darstellung ergeben. Zuvor aber will ich erst zwei der besten Kenner des Mannes seinen allgemeinen Standpunkt kennzeichnen lassen. »Inmitten des wütenden Parteihaders politischer, konfessioneller, sozialer Gegensätze« sagt der feinfühlige W. Brandes, »der die Gegenwart zerreißt und den Einzelnen vereinseitigt, lehrt er, der eben als Humorist über jeder, aber auch jederPartei steht, wieder die höchste Tugend, aus der alle anderen entspringen, Gerechtigkeit«. »Nur einen Haß findet man in seinen Büchern, er gilt der Selbstsucht und Lieblosigkeit in jeder Gestalt«. »Wahrlich ein Lehrer, ein Prediger, ein Prophet der Humanität im schönsten Wortverstande«. Ähnlich heißt es in einem Aufsatze Brandes: W. Raabe als deutscher Volksschriftsteller: »Alles geschrieben 4P