Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Juden bei Wilhelm Raabe
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 642 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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642 Die Juden bei Wilhelm Raabe. zu untersuchen, welche dieser größte aller jetzt lebenden deutschen Schriftsteller den Juden gegenüber einnimmt? Obwohl seit fast zwei Jahrtausenden auf europäischem Boden ansäßig und meist älter als die jetzigen Herren des Landes, werden sie doch seit jeher als Fremdlinge angesehen und je nach Volksart nicht nur betrachtet, sondern auch behandelt im politischen und gesellschaftlichen Leben ebenso wie in dem Niederschlage jedes Volkskarak״ ters, in der Nationalliteratur. Die Juden spielen — die Gründe sollen und können ja hier nicht untersucht werden — trotz ihrer verhältnismäßig geringen Zahl eine ganz unverhältnismäßig große Rolle auch in den schöngeistigen Werken. Daß diese bei Spaniern und Portugiesen so ge־ ring ist, erklärt sich aus deren Geschichte; seit Ausgang des Mittelalters ist die pyrenäische Halbinsel »judenrein«, ob zum Vorteile der beiden Nationen bleibe dahingestellt. Bei den Franzosen ist seit der großen Revolution wenig־ stens die politische Gleichstellung tatsächlich und nicht nur, wie anderswo, in einer papierenen Verfassungsurkunde vollständig durchgesetzt. Dasselbe gilt von Italienern und Engländern, wenn auch bei diesen letzteren der Jude in der Literatur — man denke z. B. nur an Shylock im »Kaufmann von Venedig« oder an den schurkischen Fagin in »Oliver Twist« — sehr oft als Popanz gebraucht wird. Anders bei Slaven und Deutschen. Trotzdem, daß gerade bei diesen der große Lessing seinen Nathan ge״ schaffen hat in der ausgesprochenen Absicht einem Jahr־ hunderte alten Vorurteil und Unrecht entgegenzutreten, konnte und kann die große Mehrzahl der deutschen, das heißt christlich-germanischen Schriftsteller zu einer unbefangenen Betrachtung sich nicht erheben. Nicht als ob verlangt würde, jeder Jude möge als Nathan, jede Jüdin als Recha dargestellt werden, allein ein Veitei Itzig, ein Pinkus, ein Ehrenthal oder eine Sidonie, um nur G. Freytag zu nennen, müssen sie gerade ja auch nicht sein. Von einer