Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 369 (sequence 6)
- Language
- German
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Besprechungen. 369 »Rassen«fragen, noch auch um irgendwelche wirkliche oder angebliehe Vergehen, deren sich die Juden schuldig gemacht haben sollten. Dergleichen wurde erst viel später in den Vordergrund geschoben, aus Unkenntnis oder um den Tatbestand zu verhüllen. Die Lehre vom christlichen Staat führte mit logischer Konsequenz zur Entrechtung der Juden. »Vom objektiven Verhalten einzelner Juden im sozialen Leben und Treiben ist im 4. Jahrhundert fast gar nicht die Rede, die Juden sind einem großartig-wunderlichen Spiel der Ideen zum Opfer gefallen« (S. 101). Soweit ist den umsichtig geführten und klar gegliederten Untersuchungen in allen wesentlichen Stücken beizupfiiehten. Indem Lucas das bisher nur ungenügend verwertete Material unter neuen Gesichtspunkten betrachtet, hat er sehr wichtige Aufschlüsse über eine für die Geschichte des Judentums entscheidende Epoche gewonnen. Die Juden wurden um ihrer religiösen Überzeugung willen von den Kirchenvätern angegriffen, sie haben den Kampf aufgenommen und sich dabei keineswegs auf die Abwehr beschränkt, aber nicht den Sieg errungen. Die größere Aggressivkraft lag unstreitig auf Seiten des Christentums, dem es zuletzt gelang, die Staatsgewalt in seinen Dienst zu stellen. Für den Verlauf der Geschehnisse im einzelnen hat sich eine »vielfache Übereinstimmug der Äußerungen der Zeitgenossen und der Ereignisse der Kirchengeschichte mit der römischen Legislatur« ergeben (S. 132). Auch die Ausführungen über »die Erhaltung des Judentums« (S. 102—128) bieten viel beachtenswertes. Das religiöse Moment (S. 102 ff.) steht, wie begreiflich, im Vordergrund. Die Juden fühlten sich »inmitten der orthodox-christgläubigen Bevölkerung durch ihre Lehre vom einig-einzigen, außerweltlichen, geistigen Gott überlegen« (S. 103), sie waren »stolz auf ihr Gesetz«, in dem sie »die Verkörperung des bestimmt gefaßten, folgerichtig entwickelten und ehrlich äurchgeführten Gedankens der Offenbarung« sahen, und von dem sie »ewiges und zeitliches Heil« erwarteten (S. 104). Überdies war der Messianismus »sowohl in den unteren Schichten wie in den höheren Kreisen der Juden in hervorragender Weise wirksam als eine unerschöpfliche Quelle freudiger Erwartungen und als ein Mittel zur Vergeltung an der feindlichen Welt (S. 105). Zutreffend ist auch, daß »alle diese Faktoren, Monotheismus, Gesetz und eschatologische Erwartungen«, durch die (römische Kaiser)-Gesetzgebung der Zeit nicht berührt wurden (S. 107), insoweit als dieser Satz eine Tatsache ausdrückt. Daß jedoch Verbote der jüdischen Gottesverehrung, der Befolgung des jüdischen Religionsgesetzes durch die Juden und der chiliastischen Erwartungen nicht hätten erlassen werden können, ist nur in bedingter Weise anzunehmen. Auf dem Umwege über die Zwangstaufe Monatsschrift, 54. Jahrgang. 24