Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 362 (sequence 4)
- Language
- German
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362 Besprechungen. turns macht« (S. 53). Dem mittelalterlichen Dichterphilosophen ist die biblische Erzählung ein historischer Bericht von unbedingter Glaubwürdigkeit, weil er von der Göttlichkeit der Bibel fest überzeugt ist. Die Tatsache, daß viele Tausend Israeliten Gottes Stimme gehört haben, ist ihm daher ein absolut zwingender Beweis für die Existenz Gottes und die Gültigkeit der Tradition. Dem ungeschulten Denker des Mittelalters kann man den logischen Fehler nachsehen, der darin liegt, daß die Göttlichkeit der Bibel die Voraussetzung für ihre Glaubwürdigkeit, ued die Glaubwürdigkeit die Voraussetzung für ihre Göttlichkeit bildet. Wie aber ein moderner Historiker, der die Methode kritischer Forschung kennt, sich auf Jehuda ha־Levi berufen und behaupten kann, daß die »geschichtliche Tatsache der Offenbarung« die beste Grundlage bietet für den Glauben an das Dasein Gottes, ist schwer zu verstellen. Man kann die biblischen Offenbarungsberichte für wahr halten, wenn man von Gottes Existenzüberzeugt ist, doch die geschichtliche Tatsache der Offenbarung kann niemals das Dasein Gottes beweisen, weil ihre Geschichtlichkeit nicht erwiesen und wohl auch nicht erweisbar ist. Daher ist Kohler’s Behauptung irrig, daß ganz allein die auf die göttliche Offenbarung gegründete Religion einen Gott lehrt, »zu dem man in der Not vertrauend aufblickt und dessen Willen man im Sittengesetz und im Völkerleben erkennt« (S. 53). Wie sind denn die Heiden zu ihrem Glauben an Götter gekommen? Durch Offenbarung Gottes? Dann wäre der heidnische Polytheismus genau so wahr, wie der jüdische Monotheismus. Ebenso wie die Göttergestalten der Antike Schöpfungen des religiösen Empfindens sind, entsteht noch heute aus religiösem Gefühl der Glaube an Gott. Demnach ist nicht die einmalige geschichtliche Tatsache der Offenbarung die Grundlage unseres Glaubens, sondern unsere seelische Beschaffenheit und unser religiöses Erlebnis, das Nachempfinden der religiösen Erfahrungen der Propheten. Dieser subjektive Charakter der Religion ist dem Verfasser nicht unbekannt, doch seine Darstellung nimmt häufig ohne jede Vermittelung die Wendung ins Objektive So entsteht im Leser ein unbehagliches Gefüht der Unklarheit und Unsicherheit. Unsere Vorstellungen von Gott werden als menschliche, subjektive und anlhropomorphe bezeichnet und ihre Unzulänglichkeit stark betont (S. 57), und bald darauf wird mit apodiktischer Sicherheit Gott als selbstbewußte,, überweltliche, sittlich-freie Persönlichkeit charakterisiert, die zugleich immanent und trans eend ental (!!) (der Verfasser meint transscendeni) ist (S. 55—60). Warum der jüdische Gottesbegriff trotz seiner Unzulänglichkeit richtiger und geeigneter, als der des Pantheismus