Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 361 (sequence 3)
- Language
- German
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Besprechungen. 361 kritischer Forschung stellt und »den traditionellen Glauben, daß das mosaische Gesetzbuch, das Fünfbuch der Thora mitsamt der rabbinischen Auslegung unmittelbar von Gott dem Moses auf dem Sinai übergeben worden, als allen Gesetzen des Denkens zuwideriaufend unannehmbar« bezeichnet (S. 36), braucht ein anderes, natürliches Prinzip, aus dem sich die Lehren und Gesetze des Judentums ableiten lassen. Köhler beruft sich auf die Propheten, »die von der Thora als dem ungeschriebenen Gesetz der Sittlichkeit sprachen, das allen schriftlichen Gesetzessammlungen zu Grunde liegt« (S. 36). Doch das ist keine ausreichende Begründung für unsere Anerkennung der religiösen Formen und Zeremonien des Judentums. Das scheint der Verfasser selbst zu fühlen und verwirft an anderer Stelle nur die Behauptung »eines absolut göttlichen Ursprungs der schriftlichen und mündlichen Thora« (S. 19). Worin ihre relative Göttlichkeit besteht, wie weit sie reicht, nach welchem Prinzip dies entschieden wird, und worauf die Gesetzeskraft der gesamten Tradition beruht, wird nicht erklärt. Ebenso unklar ist Kohler’s Theorie der Offenbarung. Sie ist für ihn ein innerer, seelischer Vorgang, das Hervorbrechen neuer, die ganze Gedankenwelt umwälzender Erkenntnisse (S. 28). Ob die Gesetze des seelischen Lebens dabei aufgehoben sind, oder ob der Prozeß des genialen Schaffens natürlich und gesetzmäßig verläuft, bleibt im Dunkel. Was in einem späteren Kapitel über die Möglichkeit von Wundern gesagt wird (S. 122), zwingt zu dem Schlüsse, daß die göttliche Offenbarung in der Seele des religiösen Genies die natürliche Ordnung der Welt nicht durchbricht. In sonderbarem Widerspruch hierzu wird die Gesetzgebung am Sinai als die Offenbarung Gottes in der »Feuer- und Sturmwolke mit dem erschütternden Donnergetöse und Blitzeszucken« geschildert (S. 29). Es wird also die Offenbarung aus der Seele des Propheten in die Natur hinaus verlegt und der widernatürliche und wunderbare Charakter der Erscheinungen mit naiver Gläubigkeit anerkannt. Die Gesetzgebung am Sinai bedeutet für Köhler »den feierlichen göttlichen Weiheakt«, durch den das jüdische Volk für alle Zeiten zum Propheten- und Priestervolke berufen wurde. (S. 30). Bald also wird die Offenbarung als innerer, bald als äußerer Vorgang geschildert, als natürlich und als wunderbar. *&־ Dasselbe Schwanken zwischen dogmatischem und kritischem Denken zeigt sich in der Behandlung des Gottesproblems. »Unter allen jüdischen Religionsphilosophen gebührt«, nach Kohler’s Ansicht, »Jehuda ha«Levi der Vorzug, insofern er die Offenbarung als geschichtliche Tatsache zur Grundlage des Religionsgebäudes des Juden-