Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 54 (1910)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 360 (sequence 2)
- Language
- German
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360 Besprechungen. steht zwischen Dogmatik und Religionsphilosophie kein Unterschied, beide operieren mit streng definierten Begriffen und suchen den einzelnen Gedanken aus seiner Isoliertheit zu erlösen und im Zusammenhang des Systems ihm einen Halt zu geben. Die religiösen Lehren stehen in enger Beziehung zu unserer wissenschaftlichen Weltanschauung, demnach hat die Dogmatik bei ihrer begrifflichen Bearbeitung der religiösen Anschauung ihr die Form zu geben, die jeden Widerspruch zwischen Wissen und Glauben aufhebt. Dogmatik ist also mit Religionsphilosophie nicht identisch, doch sie setzt religionsphilosophisches Denken, eine Lösung der religiösen Probleme, voraus«. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, besitzt das Kohler’sche Buch wesentliche Mängel. Es fehlt ihm zunächst die methodische Klarheit, das Historische dominiert und läßt das logische Raisonnement nicht recht zur Geltung kommen. Der Fehler liegt hier in der Anlage des Ganzen; man kann nicht zu gleicher Zeit eine Dogmengeschichte und eine systematische Theologie schreiben. Durch gelegentlich angehängte logische Reflexion wird eine geschichtliche Arbeit nicht eine systematische. Wir vermissen außerdem die Strenge der Begriffsbildüng. Weder der Gottesglaube noch die Freiheits-, oder Unsterblichkeitslehre werden auf eine klare, wissenschaftliche Formel gebracht; Ko hier’s Ausführungen machen vielmehr vielfach den Eindruck einer gedankenreichen homiletischen Betrachtung, die durch Zitate aus Bibel und Talmud oder aus der profanen Literatur interessiert. An Stelle der logisch-begrifflichen Bearbeitung tritt häufig die psychologische Ableitung, aber auch darin zeigt sich eine Unklarheit der Methode, denn die psychologische Betrachtungsweise ist nicht konsequent durchgeführt, sondern fragmentarisch und willkürlich angegewandt. Nach den seelischen Motiven, aus denen die heidnische Religiosität erwachsen ist, wird nicht gefragt, ebensowenig wird für Theismus und Pantheismus eine psychologische Theorie gesucht, sondern ein Durcheinander von Geschichte, logischer Reflexion und Psychologie geboten. Man erkennt daraus, daß dem Verfasser ein klarer religionsphilosophischer Standpunkt fehlt. Das soll an zwei Beispielen nachgewiesen werden, an seiner Behandlung der Offenbarungsfrage und des Gottesproblems. Für die Orthodoxie ist die Göttlichkeit der Bibel und der Tradition der ausreichende Grund für die Geltung der religiösen Lehren und für die Verbindlichkeit der Gesetze des Judentums. Wer aber, wie Köhler, sich auf den Standpunkt historisch-