Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 53 (1909)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 381 (sequence 3)
- Language
- German
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Besprechungen. 381 rechten. Das finanzielle Moment bei der Eheschließung betonen, halte ich nämlich für durchaus richtig. Die Juden pflegen bei entstehenden Zwistigkeiten in der Ehe bedürftiger Leute zu sagen: »Der Dallus (die Armut) schlägt sich.« Daß in der Tat die Armut am häufigsten die Eheleute veruneinigt, lehrt die Erfahrung, und es ist gewiß unvorsichtig, wenn man bei der Eheschließung das finanzielle Moment gänzlich unbetont läßt. Aber allein des Geldes wegen heiraten — das ist verwerflich, und bereits der Talmud (Kidd. 70a) verdammt eine solche nackte Geldheirat, wie er denn überhaupt die weisesten Ratschläge für die Eheschließung und die wärmsten Empfehlungen der Ausstattung und Verheiratung armer Mädchen vorträgt. Die Erwähnung dieser im Judentum herkömmlich so hoch angeschlagenen Aussteuer armer Mädchen, deren Schätzung leider nachgelassen hat, führt mich darauf, die Anzeige des höchst aufschlußreichen Buches durch einige Hinweisungen auf das hebräische und jüdische Schrifttum zu ergänzen, wozu die in dem Buche behandelten Momente mich angeregt haben. Spielt auch in diesem Schrifttum, insbesondere in der Bibel, die Statistik noch keine Rolle, ja wird sogar das Zahlen- und Ziffermäßige, was seine tiefe Begründung hat, überall mit Nachdruck abgelehnt, so ist doch das soziale Moment hier wie in dem rabbinischen Schrifttum von ausschlaggebender Bedeutung. Die sozialen Grundsätze des Pentateuch eröffnen die Perspektive auf einen glückseligen Zustand der Menschheit und haben ihres Gleichen nicht in der Weltlitteratur. Es ist daher natürlich, daß unter diesen Grundsätzen die außerordenliche Wertschätzung des menschlichen Lebens und der langen Lebensdauer obenan steht. Für die mosaische Lehre ist allerdings das Leben der Güter höchstes, ihr steter Refrain, ihre Quintessenz ist der Mahnruf: »Erwähle das Leben!«, andererseits ist für sie der Übel größtes die Schuld, wodurch sich das Leben im Sinne dieser Lehre als ein schuldfreies, von der höchsten Sittlichkeit getragenes und erfülltes Dasein qualifiziert. Mit dieser Anschauung hängen die Warnungen vor den geschlechtlichen und anderen Verirrungen der ägyptischen und kanaanäischen Völker, die zahlreichen hygienischen, sowie die auf die Ehrfurcht vor dem Greisenalter bezüglichen Vorschriften offenbar aufs engste zusammen, und man wird wohl nicht fehlgehen, wenn man gewisse bei den Juden vorhandene Erscheinungen als einen auf jene biblische Erziehungsgrundläge zurückgehenden Atavismus betrachtet. So z. B. die Liebe zu dem ärztlichen Beruf, dem die Juden im Mittelalter in außerordentlich großer Anzahl, auch mit ebensolchem Erfolge oblagen. Auf den »angeborenen Erwerbssinn« ist doch die Vorliebe der mittelalterlichen Juden für die Medizin und ihre fruchtbare Übersetzertätigkeit auf diesem Ge-