Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 53 (1909)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Leviticus XXVII im Lichte des Talmud
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 278 (sequence 10)
- Language
- German
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278 Leviticus XXVII im Lichte des Talmud. letzendsten Worte. Ihr Abraten von demselben war nicht wie das der Bibel, bloß um eine Nichterfüllung zu verhüten, sondern geschah aus völliger Abneigung. Diese bekundet sich im Talmud von seinem Beginn bis zum Schluß1). Freilich war es nicht leicht, eine im Volke eingewurzelte und stark verbreitete Sitte ohne weiteres abzuschaffen. Das Gelübde hatte im Volksleben in dem Maße Wurzel gefaßt, daß die strengsten Reden und das energischste Abraten keinen Erfolg erzielen konnte. Es war eine Ausartung des religiösen Lebens. Be! jeder Verlegenheit oder Notlage, in die ein Einzelner oder die Gesamtheit geriet, schritt man zum Geloben2). Das Nasiräat wurde zur alltäglichen Erscheinung und erfreute sich einer großen ג) Simon dem Gerechten, einem Mitglied der Synagoge magna (220 a. Ch.) wird es hoch, angerechnet, daß er nie von dem Opfer des Nasiräergelübdes gegessen. Nur einmal, als ein Nasiräer zur Einsicht gelangt war, daß das Nasiräergelübde zur Eitelkeit verleite und des« halb sein Gelübde gelöst haben wollte, aß er von seinem Opfer und zollte ihm Beifall (j. Ned. 1, 1). Ebenso rühmt man die von Hillel (geg. 50 a. Ch.) gegen die Ausartung des Gelübdewesens getroffenen Anordnungen (b. Ned. 9b). Energisch und streng lauten die Lehren der späteren talmudischen Häupter des 1. Jahrhunderts, des R. Nathan: הנודר כאלו בנד, במד,יוד,מקיימו כאלו מקריב עליו קרבן (b. Ned, 22a; Jebam. 109b); des R. Meir: אל תד,י רגיל בנדרים שסומך למעול בשבועות (b. Ned. 20 a) und des R. Jehuda, der die Erklärung dazu gibt: Wenn Du dein Gelübde auch erfüllst, ist es besser, nicht zu geloben (Tanchuma zu Wajischlach; Midr. Rab. Lev. Abschn. 37). In den folgenden Jahrhunderten tritt die Tendenz dieser Lehren in noch schärferer Form auf. So bemerkt R. Simon b. Lakisch (im 3. Jahrhundert) gegen die Lobeserhebung der ersten Frommen (חסידים הראשונים), daß sie oft das Nasiräergelübde ablegten, um ein Opfer bringen zu können, »dadurch wurden sie zu »Sündern« nach den Worten: »Und er versöhnte ihn seiner Sünde wegen (Num. 6, 11),« denn sie haben sich des Weines enthalten« (j. Ned. 1, 1). R. Samuel gibt seinem Unwillen in folgendem Ausspruch kund: דנודר אע״ם שמקיימו נקיא רשע (b, Ned. 22 a). Ebenso R. Dimi (im 4. jahrh.): הנודר אע״משהוא מקיימו נקרא חוטא (ib. 77 b). *) Vgl. j. Nasir 45, 1; Weiß a. a. O., Bd. I, S. 222. So heißt es in Gen. Rab. 81: בשעת עקתא נדרא בשעת רווחא שיטמא.