Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 52 (1908)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 506 (sequence 10)
- Language
- German
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506 Besprechung. Se. Ehrwürden im Bade weilt? Ja, dann steht es eben schlimm mit der Religion. — Hingegen von der Pflicht und Bedeutung der Forschung, welche im nachbiblischen Judentum (doch vgl. schon manche Psalmen) eine so hohe Wichtigkeit erhalten hat, spricht der Verf. gar nicht. Wie wenig der Verfasser von einem wirklichen Rehgionslehrer hat, das habe ich besonders schmerzlich bei der Lektüre des sechsten Kapitels empfunden. Ich freute mich aufrichtig, als ich die Überschrift las: Menschenschicksal und Gottvertrauen. Ein vortrefflicher Gedanke, diesen Gegenstand eigens zu behandeln. Ist er doch in der Tat ein Zentralpunkt biblischen Denkens! Aber wie sehr wurde ich enttäuscht. Nichts als Tiraden. Nichts vom Leiden als Strafe, als Prüfung, als Belastungsprobe für die Tragkraft der.Seele, als Anregung zur Selbstbesitinung und Buße, als Bewährung, nichts von dem nur relativen Wert der irdischen Güter. Dergleichen wäre wertvoller gewesen als der kümmerliche »wissenschaftliche« Aufputz, den der Verfasser seiner Darstellung geben möchte. Wenn er einen Satz aus Jes. 40 ff. zitiert, so versäumt er nie, den zweiten Jesaja als Urheber zu nennen. Wollte er aber schon auf der Höhe strenger Wissenschaftlichkeit stehend erscheinen, dann mußte er auch noch den dritten einführen, und ganz unwissenschaftlichist es gar, von dem mosaischen Gesetzgeber zu reden. Weiß der Verfasser denn nicht, daß es einen solchen gar nicht gibt, sondern nur j, E, D, P, R usw.? Dafür hat er seine Wissenschaftlichkeit durch ein Verfahren zu betätigen geglaubt, das ich nur als ein schlimmes Armutszeugnis bezeichnen kann. Die angeführten Bibeistellen sind nämlich der Übersetzung von — Kautzsch entnommen (wofern sie nicht aus dem kurzgefaßten Handkommentar zum A. T. von Marti o. ä. stammen). Das Judentum hat bekanntlich und zum Glück keine kanonische Bibelübersetzung. Es soll stets, aus der ersten Quelle schöpfen. Wenn wir aber notgedrungen uns einer Übersetzung bedienen müssen , und ein jüdischer Lehrer des Hebräischen nicht genügend mächtig ist, den Urtext selber zu übersetzen, dann sollte er sich schämen, für den jüdischen Religionsunterricht bei den Christen um eine Übersetzung betteln zu gehen, da es genug Bibelübersetzungen von jüdischer Hand, namentlich des Pentateuchs, gibt, die, worauf es uns ankommen muß, in der Treue des Anschlusses an den Urtext bei weitem den Vorzug vor Kautzsch verdienen. Bei dieser Unselbständigkeit nimmt es denn auch nicht wunder, daß der Verfasser zahlreiche Bibelstellen gründlich mißverstanden hat, wozu noch viele Fehlgriffe kommen, die er selbst mit Hilfe des Kautzsch hätte vermeiden können, wenn ihn nicht seine Vorliebe für die tönende Phrase und sein verkehrter Standpunkt verführt hätten.