Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 52 (1908)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 502 (sequence 6)
- Language
- German
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502 Besprechung. dem Jeremia ein anderer Prophet, Chananja, entgegen. Jeder weissagt das Gegenteil vom andern. Aber wiederum wird die Entscheidung, welches der echte Prophet sei, nicht nach der Moralität der Personen getroffen. Jeremia selbst sieht das Merkmal des wahren Propheten darin, daß er zunächst Unheil weissage. Findet er alles schön und gut und redet von Frieden, dann ist erst abzüwarten, ob der Ausgang ihn rechtfertige. Was die Propheten beschäftigte, war nicht nur der moralische Lebenswandel des Einzelnen sondern vorzüglich das Geschick ihres Volkes, sie waren religiös-sittliche Politiker, von denen der heutige Kinderlehrer zwar lernen soll, die aber doch auf höherer Warte standen als auf dem Katheder der Schulstube und selbst der Kanzel der Alltagsmoral. Nach C o bien z wäre jeder Prediger, gegen dessen Lebenswandel nichts einzuwenden ist, ein »Prophet des Ewigen«. Die »Religion der Propheten« setzt ein israelitisches Volkstum, einen israelitischen Staat (in Gegenwart oder Zukunft) voraus und kann nur durch bewußte oder unbewußte Täuschung mit »unserer« Religion gleichgesetzt werden. Am allerwenigsten hat unser Verfasser mit seinen Ansichten ein Recht dazu. Es wird wohl kein Kundiger bestreiten, daß Gott allen Propheten ohne Ausnähme ein außerweltliches, reales, persönliches Wesen ist, das die Welt regiert und in ihren Gang eingreift, das sich real offenbart, das lohnt und straft. Der Verfasser als moderner, ungläubiger Mensch glaubt an derartiges natürlich nicht, sondern deutet es, wo es geht, als lediglich psychologischen Vorgang im Innern des Menschen. Dem Propheten wird nichts offenbart, er erlebt es innerlich, er erkennt es, er denkt es sich, sein sittliches Bewußtsein sagt es ihm. Alle Propheten, alle Lehrer des Judentums aller Jahrhunderte würden sich wie ein Mann gegen einen Satz erheben wie: Sittengesetz und Naturgesetz, Versündigung und Schicksalsschläge haben n i c h t s miteinander zu tun (S. 55 f.). Oder: »Gott richtet über die Menschen«. Das ist so aufzufassen: unser sittliches Bewußtsein richtet über unser seitheriges Leben, das Göttliche in uns ist der Richter über unsern Wandel. — Danach muß man sich fragen, ob es nach Goblenz überhaupt noch einen wirklichen Gott gibt. Zu tun hat er jedenfalls bei ihm gar nichts. Jedoch ich bestreite dem Verfasser nicht das Recht, persönlich solche Ansichten zu hegen. Aber es ist eine grobe Fälschung, s e i n e Religion für die der Propheten auszugeben. Daß er dies durchgängig tut, zeigt schon der Umstand, daß er in der Regel erst erzählt, was »wir« glauben und dann fortfährt: und so sagen auch die Propheten . , wobei er nach Belieben wegläßt, was ihm nicht in den Kram paßt. Ich habe auch nichts dagegen, daß man dem modernen er-