Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 52 (1908)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Michael Sachs
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 392 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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392 Michael Sachs. meriden, Nachman Krochmal, Rapoport und Luzzato anreihen. Die weite Welt, die große Geschichte, die Kulturen und Literaturen der verschiedenen Völker und Zeiten, von denen sie Kenntnis erhielten, waren für sie eine Anregung, die eigene Vergangenheit nach den neugewonnenen Gesichtspunkten zu durchforschen, die einzelnen Erscheinungen und Tatsachen ihrer Geschichte klar und anschaulich hervortreten zu lassen, ihre äußere und ihre innere Entwickelung festzustellen und nach den sie leitenden Ideen zu suchen. Das diesen Männern um etwa ein Jahrzehnt nachfolgende Geschlecht hat ihren Arbeiten sich nicht nur angeschlossen, es begann bereits aus ihren Studien die praktischen Folgerungen zu ziehen und an dem Aufbau einer neuen, dem neunzehnten Jahrhundert angemessenen Gestaltung des Judentums zu arbeiten. In allen seinen Schriften zeigt sich neben dem wissenschaftlichen Triebe das Streben, von dem eigenen Wesen, dem religiösen und dem nationalen Besitztum, ein klares Bewußtsein zu erlangen, die alten Gedanken und Lehren in die Sprache der Gegenwärt sich zu übersetzen und sie dadurch mit frischer Kraft und Wirksamkeit auszustatten. Bedeutende Talente und mannigfache Geistesrichtungen treten uns in dieser Morgenröte des neu sich erhebenden Judentums entgegen. Am 20. Juni d. J. war der hundertste Geburtstag Samson Raphael Hirschs, des tiefsinnigen Erklärers der Traditionen des Judentums, der Bibel, wie der Lehren und Einrichtungen des Talmud. Dem Jahre 1810 gehört der Geburtstag seines Gegensatzes an, Abraham Geigers, des scharfen Kritikers jener Traditionen und danach wirkenden Reformers; dem Jahre 1811 der Geburtstag Ludwig Philippsons, der durch seine vielseitige Tätigkeit die neuen Anschauungen und Ziele in die breite Masse der Juden trug und ihr beredter Wortführer wurde. Wir können ihre Zeit wohl als die einer Renaissance