Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 52 (1908)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Satire in der jüdischen Literatur
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 278 (sequence 22)
- Language
- German
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278 Die Satire in der jüdischen Literatur. »Rokeach« von Eleasar b. Jehuda aus Worms und das »Testament« von Ascher b. Jechiel (vgl. Zunz, zur Gesch. und Lit. S. 122 ff, S. Bäck in dem von Winter und Wünsche herausgegebenen Sammelwerke. Die jtid. Literatur. Trier 1896, III, S. 627 ff.). Die jüdische Sittenlehre spiegelt sich in diesen Werken in ihrer ganzen Höhe klar und hell wieder, aber sie wird ziemlich trocken oder vielmehr ziemlieh sanft vorgetragen. Es fehlt ihr jener Sarkasmus, der seine Stachel in die Herzen derjenigen senkt, die aufgerüttelt werden sollen. X. Dieser Sarkasmus ist für die Sittenlehre wie für die Predigt, insofern sie eine moralische Tendenz verfolgt, das, was die scharfen Gewürze für die Speisen sind. Die spanischportugiesischen und italienischen jüdischen Prediger haben bis zum 18. Jahrhundert herab die Moral, die sie predigten, in eine so dichte Wolke philosophischer Reflexionen und gekünstelter, witziger haggadischer Auslegungen der Bibel gehüllt, daß ihr eigentlicher Kern dem Zuhörer verloren ging, (vgl. S. Bäck a. a. O. II, S. 609, ff. Die Darschanim vom 15. bis zum Ende des 18. Jahrh.). Die deutschen Darschanim vom 16. Jahrhundert angefangen, bedienten sich wohl auch dem Geschmacke der Zeit huldigend, der haggadischen Auslegungskunst. Sie preäigten aber mehr in einer zu Herzen gehenden Form eine gesunde Moral, in der sie die Zuhörer nicht nur darüber belehrten, was sie tun sollten, sondern ihnen auch unter Hinweis auf die Schäden der Zeit warnende Beispiele vor die Seele führten, um ihnen zu zeigen, was sie nicht tun sollten. Wenn dieser Hinweis auf die Fehler der Zeit nicht bloß polternd, sondern mit gemessenem Sarkasmus stattfindet, dann wird die Rede wie die Strafrede der Propheten, von der ich bereits gesprochen habe, zur tatsächlichen Satire. Dieser letztem Art waren, um nur ein Beispiel anzu-