Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 52 (1908)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die bibelwissenschaftliche Literatur der letzten Jahre
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
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148 Die bibelwissenschaftliche Literatur der letzten Jahre. religion, diesen Particularismus in einen Uhiversalismus und diesen naturhaften Polydämonismus in einen »ethischen Monotheismus« zu verwandeln. Fragt man dann, aus welcher Quelle denn die altesten Propheten, wie Arnos und Hosea, ihren »ethischen Monotheismus«, der im schroffsten Gegensatz zu den bisherigen rohesten Religionsanschauungen steht, geschöpft haben, so erfährt man, daß der prophetische Gottesbegriff das Ergebnis eines jahrhundertelangen Entwickelungsprozesses sei, der vom allerrohesten Totemismus, wie er heute nur noch etwa bei den Papuas nachweisbar sei, über den Animismus, Fetischismus, Polytheismus und Henotheismus zum Monotheismus und endlich zum ethischen Monotheismus sich herausgebildet habe. Wie beim Häckelschen »biogenetischen Gesetz« will dann die Evolutionstheorie auch noch in der späteren israelitischen Volksreligion Spuren all der genannten Entwicklungsphasen nachweisen. So sollen z. B. Eigennamen, wie ־. רחל== Mutterschaf, ־ לאהaltes Schaf, נחשון — Schlangenmann, und die zum Genüsse verböteneu Tiere auf T o te m i s m u s, das Opfern auf den Anhöhen, als den Ahnengräbern, das Zerreißen der Gewänder bei der Totentrauer, Ereignisse wie das Erlebenis Sauls bei der Hexe von En-dor (I. Sam. c. 29), Äußerungen wie ולא נתתי ממנו למת (V M. 26, 14) oder הלא עם אל אלהיו ידרוש בעד החיים אל המתים (Jes. 8,19) auf Animismus und Ahnenkultus, und Anschauungen wie אין זה בי אם בית und האבן הזאת יהיה אלקים בית אלקים (I. M. 28,17, 22) auf Fetischismus hinweisen. Selbstverständlich fragt man dann sofort weiter, warum sich dieser Entwicklungsprozeß, den sich die Entwicklungstheoretiker so ganz natürlich denken, denn nicht auch sonstwo, außerhalb Israels, abgespielt habe; warum selbst die zivilisierten Babylonier und die kulturreichen Ägypter, deren historische und religiöse Entwicklung ungleich früher als die Israels begonnen hat, niemals über den krassen Polytheismus hinausgekommen seien?