Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 52 (1908)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Satire in der jüdischen Literatur
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 15)
- Language
- German
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Die Satire in der jüdischen Literatur. 143 lehren, daß sein Vorzug vor dem Tiere in seiner Vernunft bestehe, durch die er sich zur höchsten sittlichen Vollendüng aufschwinge, ln der hebräischen Übersetzung ist das Buch, wie es scheint, mit der »Epistel der Moral« identisch, die Kalonymos zugeschrieben wurde. (vgL שפתי ישנים s. v. אגרת המוסד, vgl. Renan, a. a. O. S. 88). Sechs Jahre nach der Abfassung der genannten Über- Setzung hat Kalonymos ein selbständiges ethisch-satirisches Werk unter dem Titel »Der Stein der Prüfung« in gereimter Prosa verfaßt (אבן בחן, oft ediert, mit jüdisch-deutscher Übersetzung von Mose b. Isaak Eisenstadt, Sulzbach 1705 und mit deutscher Übersetzung von Meise], Budapest 1878 vgl. Renan a. a. O. S. 101 und Groß, Monatsschr. 1879, S. 554). Der Verfasser klagte sich selbst an, daß er sein eigenes Mißgeschick verschuldet habe, und sah in den schweren Leiden, von denen seine Glaubensgenossen heimgesucht wurden, eine Strafe für ihre Verfehlungen. Darum unterwarf er alle Verhältnisse des Lebens, rücksichtslos gegen sich und andere, einer strengen Prüfung und legte wie ein Arzt die Sonde an die Wunden, die er untersuchte, um die Wurzeln des Übels bloßzulegen und auf dessen Heilung hinzuwirken. Er hielt in seinem Buche sich selbst und anderen einen Spiegel vor, in dem alle Stände und Volksklassen, Männer und Frauen, Hohe und Niedrige, Gelehrte und Ungelehrte ihre Mängel und Fehler erkennen. Wie ein Prophet erhob er w׳arnend und mahnend seine Stimme gegen die Gebrechen der Zeit und geißelte die Schwächen und Torheiten seines Volkes. Er ist der jüdische Sebasti an Brant, der Verfasser des »Narrenschiffs«. Kalonymos, der in seiner Satire keinen Stand verschont, macht sich auch über die Rabbiner lustig, die ihre geistreichen Reden mit den Blumen schmücken, die sie in fremden Gärten pflücken, oder die in der talmudisehen Dialektik ihre Geisteskräfte schärfen, um das, was