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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1907-01-01 · Heft 6 · p. Seite 662

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
51 (1907)
Issue
Heft 6
Article
Die bibelwissenschaftliche Literatur der letzten Jahre
Date
1907-01-01
Page
Seite 662 (sequence 4)
Language
German
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662 Die bibelwissenschaftliche Literatur der letzten Jahre. Norm oder Manie geworden, daß bei biblischen Partien, für welche die Heranziehung der wilden Beduinen nicht mehr hinreicht, ungeniert die Australier, Polynesier, Südinsülaner und ähnliche interessante Mitmenschen zur Interpretation herbeigezogen werden. Nun muß allerdings zugegeben werden, daß die evolutionistische Schule das Verständnis für die isr. Religion im Zusammenhang mit untergegangenen Kulturen eigentlich erst geweckt hat. Warum aber müssen in der Religion eines Volkes, dessen Land schon im 4. vorchr. Jahrtausend die Brücke zwischen den beiden ältesten und größten Kulturvölkern der Welt gewesen ist, gerade die primitivsten Anschauungen hängen geblieben sein, vorausgesetzt, aber nicht zugegeben, daß gerade in Israel eben alles entlehnt sein müsse? Ja selbst da, wo Entlehnungen von nigung, alle Trauerbräuche und jegliches Fasten hinweisen. Das Patriarchat Vaterrecht sei in Israel, infolge des Ahnenkultus, ursprünglieh gewesen (Matriarchat Promiscuität, wobei das Kind, wie bei den Tieren, nur die Mutter kennt, wäre also glücklicherweise im vorexilischen Israel nicht vorhanden. Hier hat erst Herr Chajes ein Fündlein gemacht, vgl. Cahanas רוש מדעי& zu Gen. 21, 12) שמלת גבר, כלאי בגדים, כלאי בהמה, שוי וחמוד u. dgl. seien darum verboten, weil man Dinge zusammenbringt, die verschiedene Götter zu Patronen haben. Einen Keuschheitsbegriff besäße das alte Israel so wenig wie es ein Wort für Keuschheit hatte. Unzucht sei nicht aus sittlichen, sondern aus kultischen Gründen, weil es phönikische Kulthandlung war, verboten worden. Das alte Israel habe weder eine objektive Moral noch einen Humanitätsgedanken, noch ein Verantwortlichkeitsgefühl, noch ein Schuldbewußtsein gekannt, sondern nur Stammesbrauch und Herkommen, es habe keine Sittlichkeit, sondern nur Sitten besessen. Sünde sei nur Brauchverletzung. Die vielfach verstärkten Schutzgeseize für גד אלמנה ויתום seien nötig gewesen, weil der Israelit nach Beduinenart hart und habgierig gewesen sei. Alle Sittlichkeitsforderungen galten, wie bei den heutigen Beduinen, nur gegenüber den Stammesgenossen; Nun ist aber gerade durch den Haß gegen den Nichtstammesgenossen beim Beduinen der Familiensinn und die Verwandtschaftsliebe umso schärfer ausgeprägt. Diese auf alle Stammesgenossen ausgedehnte Liebe bedeutet dann die Nächstenliebe.

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