Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 652 (sequence 12)
- Language
- German
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652 Die Wissenschaft des Judentums. storisch und tatsächlich anders, »so wird doch das Vorbild Frankreichs, von dem alle politischen Umwälzungen auf unserem Kontinent ausgegangen, gewiß weiter wirken, und wir werden mit einer Trennung von Staat und Kirche und allen ihren Folgen auch bei uns als sehr wohl möglich zu rechnen haben«1). Wenn nun aber eingewendet wird, daß theologische Lehranstalten außerhalb des Verbandes der Universität der Einwirkung der modernen Wissenschaft entrückt sind, so ist das bei der Wissenschaft des Judentums nicht zutreffend. Üeberall und zu allen Zeiten, wo die Juden von den Kulturbestrebungen der Völker nicht ausgeschlossen waren, assimilierten sie sich ihrer Umgebung nicht bloß in der allgemeinen Bildung, sondern sie suchten auch ihre Theologie durch die Verbindung mit dem Geiste der herrsehenden Wissenschaft zu befruchten. So entstand schon vor 2000 Jahren in Alexandrien, wo unsere Bibel durch die Septuaginta der griechischen Welt erschlossen worden war, jene einst so reiche j ü d i s c h - h e 11 enis tische Literatur, deren glänzendster Vertreter Philo von Alexandrien ist. Von der innigen Durchdringung des jüdischen und hellenischen Geistes, die sich in dieser Literatur unter dem Beifall maßgebender Kreise vollzog, zeugt der Wunsch, den ein Haggadist in jener Zeit mit Anspielung auf Genesis 9, 27 also ausgesprochen hat: »יפיפיתו של יפה ישכון באהילי שם. Möge die Schönheit Jephets (d. u des Griechentums) in den Zelten Sem?s wohnen!« Vollends in Spanien! Hier, wo unter der maurisehen Herrschaft Kunst und Wissenschaft zu neuem Leben erblühten, beteiligten sich die Juden nicht bloß an allen geistigen Bestrebungen ihrfer Zeitgenossen, sondern sie öffneten auch ihres Heiligtümes Pforten dem Geiste der 0 »Die Trennung von Staat und Kirche, der staatliche Reifgionsunterricht und die theologischen Fakultäten.« Akademische Rede etc. von Ernst Troeltsch, Heidelberg 1905, Seite 35.