Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 643 (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wissenschaft des Judentums. 643 befreit. Aber da entstand ein neuer aus derselben Quelle fließender Irrtum, daß nämlich das Haus Gottes zu Jerusalem unter allen Umständen Stadt und Volk vor dem Untergange bewahren könne. Vergebens kämpften die Propheten Micha aus Moreschet1) und nachmals J e r e m i a gegen diesen Wahnglauben an, der allen ihren Drohungen mit dem Ausrufe: »Tempel Gottes! Tempel Gottes! Tempel Gottes!«2) begegnete. Der Tempel mußte erst zerstört werden, damit die Erkenntnis durchdringe, daß nicht das Haus, sondern der Geist, der darin waltet, nicht die Bundeslade, sondern die Lebensführung den Bestand Israels zu sichern vermag. Also auch die Wissenschaft des Judentums. Sie hat zwar in diesem neugegründeten Hause einen Mittelpunkt gewonnen, von dem ihre Wirksamkeit in erhöhtem Maße ausgehen wird; aber diese Wirksamkeit selbst, wenn sie der Gesamtheit zum Segen gereichen soll, ist von dem Geiste abhängig, in dem sie betrieben wird, von dem Geiste der Wahrheit und der Freiheit. Was ist denn die Wissenschaft des Judentums? Die Wissenschaft des Judentums ist vor allem keine jüdische Wissenschaft. Eine jüdische Wissenschaft gibt es so wenig wie es eine jüdische Kunst gibt. Denn wir sind nicht geneigt, jede wissenschaftliche Leistung oder jede künstlerische Schöpfung, bloß weil sie von einem Juden herrührt, als jüdische Wissenschaft oder jüdische Kunst anzusprechen. Das Subjekt steht hier wie dort dem Objekte so ohne jedes Bewußtsein und ohne jede Betätigung seiner jüdischen Wesenheit gegenüber, daß von einer jüdischen Wissenschaft oder von einer jüdischen Kunst gar nicht die Rede sein kann. Im Gegenteil hängt hier alles so sehr von dem Objekte ab, daß die Wissen- 1) Micha 3, 12. Jer. 26, 18. ף Jer. 7, 4. 41*