Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Das Alte Testament in der Mischna
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 583 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829803-2829809-2887910--35650-2887996- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Alte Testament in der Mischna. 583 bekannt, daß in der jüdischen Tradition irgendwo vom »Gottesleugner« die Rede wäre: für A t h e i s t gibt es kein hebräisches Aequivalent. Wenn »Epikoros« mit »Gottesleugner« identisch ist, dann haben die Juden diesen Begriff den Griechen entlehnen müssen. Die häufige Betonung des »Glaubens« war also innerhalb des Judentums nicht am Platze, da es schon damals einen anderthalb Jahrtausende alten Glauben hatte. Wir fragen nun, ist es wahr, daß die »religiöse Lehre zollfrei« war? Ist es wahr, daß »die Leugnung der Auferstehung und Unsterblichkeit sich einer wunderbaren Toleranz von Seiten der Pharisäer erfreute?« Wahr ist allerdings, daß die Ketzerei durch keine inquisitio fidei festgestellt wurde, und daß für die Ungläubigen keine Scheiterhaufen angezündet wurden, denn der weltlichen Strafe unterliegt nach jüdischer Anschauung nur die Handlung. Denken die modernen Kulturvölker anders? Gibt es in den Strafgesetzbüchern einen Paragraphen gegen die mannigfachen »Leugner«? Ich will diesen Gedanken nicht weiter auspinnen, konstatiere aber, daß die ganze Kulturwelt den Standpunkt der geschmähten Pharisäer akzeptiert hat, allerdings erst nach achtzehnhundert Jahren. Man kann übrigens auch bei Perles (Bousset’s Religion des Judentums, Berlin 1903, 74 f) nachlesen, ob sich das Denken aller Frommen um das »Tun« gedreht habe. Das Wettern unserer Tage gegen das »Gesetz«, wie es einst der Heidenapostel Paul getan, finde ich sonderbar. Wie können Offenbarungsgläubige den Zeit- und Glaubensgenossen Jesu einen Vorwurf daraus machen, daß sie die Gebote der geoffenbarten Lehre beobachteten? Sind denn die Zehngebote kein Gesetz? Bei welchen Gesetzen hat der Offenbarungscharakter aufgehört? Gibt es eine positive Religion ohne Gesetze? Warum ist das Gesetz tadelnswert und nicht die Gesetze? Warum wird das Gesetz in Bausch und Bogen verdammt ohne speziellen Nachweis seiner Schädlickeit? Welche Gesetze der fünf