Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Das Alte Testament in der Mischna
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 572 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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572 Das Alle Testament in der Mischna. geistigen Brodgeber? Stehen die modernen Ethnologen den Naturvölkern näher, als die christlichen Theologen den Urhebern der Mischna, den leiblichen Brüdern und geistigen Lehrern der Evangelisten? Mit »kühlem Vergnügen« hat noch kein Forscher bedeutende Resultate zu Tage gefördert und Aicher wird auch gut daran tun, im alten Judentum keine moderne Schwiegermutter zu sehen. Solange die christlichen Gelehrten in der rabbinischen Literatur nach etwas Fertigem herumsuchen, werden sie alles finden, nur nicht die geschichtliche Wahrheit. Modeln läßt sich die Zukunft, aber nicht die Vergangenheit, denn es gibt keine Machtauf Gottes Erden, die das Geschehene ungeschehen machen könnte. Die Wahrheit kennt keine Machtsprüche, die Wissenschaft keine Unterdrücker und Unterdrückte. Es ist also eine unnütze Verschwendung von Zeit und Kraft, wenn man mit vorgefaßten Meinungen an die rabbinische Literatur herantritt. Wozu das Suchen dessen, was man bereits gefunden? Es ist im günstigsten Falle eine Selbstäuschung. So sehr wir uns mit jedem Mitstrebenden freuen, müßen wir dennoch jede Meinung, die »von Anfang klar war,« entschieden zurückweisen. Zumal eine Meinung, die auch am Ende nicht klar ist. Paul de Lagarde, der für Juden und Judentum keine Schwäche hatte, behauptet im Gegensätze zu Aicher, daß aus der Mischna für die Hermeneutik viel zu holen ist. Er sagt nämlich, daß die gesetzlichen Partien des Pentateuchs ohne Kenntnis der Halacha nicht erklärt werden können und verübelt es Dillmann, dem ausgezeichneten Exegeten, daß er sich dies zu tun unterfange. Doch genug über diesen leidigen Punkt. In der Einleitung (1—4) gibt Aicher eine kurze Be- Schreibung der tannaitischen Sammlungen, wobei er Sifre suta und die zahlreichen Zitate aus Barajtasammlungen in den beiden Talmuden mit keinem Worte erwähnt. Von der Mischna sagt er, daß nur ein Teil der jüdischen Tra-