Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen Briefe
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 546 (sequence 5)
- Language
- German
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546 Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen-Briele. der Bibel ein großartiges System höherer Weisheit zu errichten«. »Die Ermittelung dieses allegorischen Sinnes hat ihre bestimmte Methode *avovs; Tffe «)JwlYoptas«. Und diese stimmen in vielfach überraschender Weise mit den Deutungsregeln des palästinischen Midrasch überein1). Wenden wir uns nun von diesen beiden Formen jüdischer S c h r i f t a uf f a s s u n g und Deutung zu der der paulinischen Briefe, so finden wir k e i n e r 1 ei Verwandtschaft mit jenen, weder mit der rabbinischen noch mit der hellenistisch-religionsphiiosophisehen. Es ist bei ihnen auch nichts von irgend welchen No rmen für die Behandlung der Schrift zu finden. Da herrscht vielmehr die reine Willkür, die vollständige Verdrehung des Schriftwortes, die Umkehrung des klaren Sinnes in dessen Gegenteil. »Sagt mir doch«, heißt es im Briefe an die Galater (4, 21 ff.), »die ihr wieder unter das Gesetz treten wollt, hört ihr denn das Gesetz nicht? Es steht doch geschrieben, daß Abraham zwei Söhne hatte, einen von der Sklavin, den andern von der Freien. Aber der von der Sklavin war in fleischlicher Weise geboren, der aber von der Freien ist infolge einer Verheißung geboren. Diese Worte bedeuten aber etwas anderes. Die Beiden bedeuten den zweifachen Bund, den einen vom Berge Sinai, der zur Knechtschaft gebiert, bedeutet die Hagar. Denn Hagar geht auf den Berg Sinai in Arabien und entspricht dem jetzigen Jerusalem. Denn dieses steht in Knechtschaft samt seinen Kindern. Das obere Jerusalem aber ist die Freie, und die ist unsere Mutter.« Hier werden also die Juden als die leiblichen und geistigen Nachkommen der Hagar vorgeführt, der im Gesetz, den Propheten und Psalmen als Stätte der Offen- *) S. Siegfried, »Philo von Alexandrien als Ansleger des A. T.« Jena 1875, S. 160 ff.