Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen Briefe
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 425 (sequence 31)
- Language
- German
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Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen Briefe. 425 fertigung desselben für Paulus zur Grundlage einer neuen religiösen Weltanschauung, in der das mosaische Gesetz durch ein neues und höheres Prinzip aufgehoben ist. Und welches war dieses neue Prinzip? was war nach göttlicher Absicht Zweck und Bedeutung des Todes und der Auferstehung des Messias Jesus? wie fern hat sich in diesen von Gott veranstalteten Tatsachen ein neuer Weg des Heils, unabhängig vom alten des Gesetzes und zugänglich für alle Menschen ohne Unterschied der Geburt enthüllt? »Diese Fragen waren es, die das Gemüt des Paulus alsbald von seiner Bekehrung an bewegt haben, und aus dem Nachdenken über sie ist das hervorgegangen, was man die paulinische Theologie zu benennen pflegt.« Was Pfleiderer hier als den Gedankengang des Paulus darlegt, ist ein Meisterstück der Dialektik. Aber es ist die Dialektik eines Schülers Hegels und operiert mit dessen Begriffen und Formeln. Mildem Gedankengange eines Schülers des Rabban Gamaliel aber läßt sie sich absolut nicht vereinbaren. Den Juden, welche Zeitgenossen des Auftretens Jesu waren, lag es durchaus fern, ihr Urteil darüber erst aus einem Schriftverse abzuleiten. Es erfolgte aus ihren unmittelbaren Anschauungen und Eindrücken heraus und stand bereits fest, bevor die Kreuzigung Jesu erfolgte. Sie hatten auch keinerlei Veran־ lassung nachher für ihren Unglauben nach Beweisen aus der Schrift zu suchen. Vielmehr waren es die Anhänger Jesu, die für einen Glauben, der allen seitherigen Annahmen über die Erscheinung und die Wirksamkeit eines Messias widersprach, nach Beweisen aus der Schrift ausgehen mußten und solcher auch viele zu finden glaubten. Diesen sodann mochten die Juden in späterer Zeit die Verse von dem an einem Holz gehängten entgegenhalten, Verse, deren Beweiskraft in ■der Tat nur dadurch zu erschüttern war, daß wesentliche Worte weggelassen und den Verbliebenen ein ihnen ganz fremder Sinn untergelegt wurde.