Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen Briefe
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 420 (sequence 26)
- Language
- German
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420 Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen Briefe. Ebenso wie dem »Gesetze« im Ganzen sprechen die paulinischen Briefe auch den einzelnen guten Handlangen den Wert und die Möglichkeit ab, vor Gott »gerecht« zu machen. Und auch diese Anschauung tragen sie gewaltsam in einen Schriftvers hinein und berufen sich sodann auf ihn, als auf einen Beweis.- So wird der oben berührte Psalmvers (143, 2) »gehe nicht in’s Gericht mit uns, denn vor dir kann kein Lebender gerecht sein« im Briefe an die Galater (2, 16) und in dem an die Römer (3, 20) als ein Schriftbeweis für paulinische Lehren angeführt, aber folgende Änderungen werden mit ihm vorgenommen: der erste Satz wird vollständig weggelassen und zu der aus der Septuaginta entnommenen Übersetzung ou ,svocvt 16v <701> %y,q ‘(6W werden willkürlich die Worte spYtöv vojaou hinzugefügt! Auf diese Weise wird aus einer schlichten, wahren und tief empfundenen Bitte ein schroffer d o gm ■a t i s c h e r Lehrsatz »durch Gesetzeswerke wird keim Fleisch gerecht.« Das ist allerdings ein Fundamentalsatz der paulinischen Theologie und Ethik, Auf ihm ruht die ganze paulinische Glaubenslehre. Aber seine scharfe Scheidung und Gegenüb ers t e 11 u n g von Glauben und Werken, Gesinnung und Tat ist der ganzen heiligen Schrift ebenso fern, \ wie jeder natürlichen religiösen Empfindung. Der einzige | Vers (5. B. M. 10, 12 f.) widerlegt ihn: »Und nun Israel, was ■ verlangt der Ewige, dein Gott, von dir anders, als daß du den Herrn, deinen Gott ehrfürchtest, in allen seinen Wegen wandelst, ihn liebest und dem Ewigen, deinem Gotte dienest von ganzem Herzen und ganzer Seele, die Gebote Gottes zu beobachten und seine Satzungen, die ich dir heute gebiete, dir zum Guten?« Dieser Gedanke tritt uns überall in der heiligen Schrift entgegen. Erkenntnis Gottes, Gottesfurcht, Liebe zu Gott, Glaube und Treue ist Grund und Ziel ihrer Religion. Und im Leben hat ein Jeder